© wegweiser-freiwilligenarbeit.com

Engagement für eine Sache und Eigeninteresse passen zusammen, wenn…

In Südafrika benachteiligten Jugendlichen in einem Township-Projekt Nachhilfeunterricht geben, in Kambodscha bei der Renovierung eines Tempels helfen, in Peru Ärzten bei der Krankenvisite über die Schulter schauen oder in Griechenland Meeresschildkröten-Gelege vor Eierdieben retten – all das ist möglich. Nachhaltig organisierte Programme bringen allen Beteiligten Vorteile: der Bevölkerung, der Kultur oder der Natur anderer Länder, aber auch den Freiwilligen selbst.

Und das ist völlig OK. Die psychologische Forschung hat schon lange nachgewiesen, dass ehrenamtliches Engagement nicht nur altruistische Beweggründe hat. Neben dem Wunsch zu helfen, spielen auch hierzulande persönliche Bedürfnisse eine Rolle, wie zum Beispiel die Pflege sozialer Kontakte, Anerkennung durch andere, Zugang zu besonderen Aktivitäten, den Lebenslauf verbessern oder die Hilfe bei der Berufswahl. Wenn Volunteers sich aufrichtig für die Bedürfnisse von Aufnahme-Projekten einsetzen, ist es völlig in Ordnung, wenn sie ihr Engagement so planen, dass es auch ihnen selbst nutzt. Freiwilligenarbeit im Ausland lässt sich so gestalten, dass beide Seiten von der Situation profitieren.

Einen Berufswunsch überprüfen

Wenn ihr schon einen Beruf ins Auge gefasst habt, euch aber nicht sicher seid, ob dieser zu euch passt, bietet Freiwilligenarbeit im Ausland die Möglichkeit, dies herauszufinden. Hier könnt ihr tiefergehende Einblicke in Berufe wie zum Beispiel Ärztin/Arzt, Krankenpfleger*in, Lehrer*in oder Jurist*in bekommen. Durch die Vielfalt der Projekte gibt es zahlreiche Berufsfelder, die ihr kennenlernen könnt. Dazu gehören natürlich die klassischen Bereiche der Freiwilligenarbeit, wie Sozialarbeit, Bauen und Infrastruktur sowie Natur- und Tierschutz. Aber es gibt auch Projekte in Kunst, Kultur und Archäologie, Journalismus oder Sport. Ihr könntet also zum Beispiel überprüfen, ob ihr in der Tierpflege arbeiten wollt oder ob euch ein Beruf im Medienbereich liegt.

© wegweiser-freiwilligenarbeit.com

Den Horizont erweitern

Nun kann es natürlich sein, dass ihr so gar keine Idee habt, was ihr nach der Schule machen möchtet. Auch in diesem Fall kann es helfen, sich auszuprobieren. Hinaus in die Welt ziehen, Neues erleben, mal ganz andere Aufgaben übernehmen und fremde Kulturen entdecken – dabei lernt ihr nicht nur andere Menschen, sondern auch euch selbst besser kennen.

Bei einer Tauchexpedition z. B. gemeinsam mit Meeresbiologen und anderen Freiwilligen wichtige Daten für den Meeresschutz zu sammeln, ist eine komplett neue Erfahrung, die nicht nur dabei helfen kann herauszufinden, ob ein Studium der Meeresbiologie für euch in Frage kommt. Dieses Erlebnis wird langfristig eure Weltanschauung prägen, positiv beeinflussen, wie ihr anderen Menschen begegnet und mit der Umwelt umgeht.

Ein solcher Auslandsaufenthalt kann euch helfen, euren Platz in der Gesellschaft zu finden und besser mit neuen Herausforderungen zurechtzukommen. Außerdem gewinnt ihr so Selbstvertrauen und entscheidet euch vielleicht eher für einen Beruf, den ihr euch vorher nicht zugetraut hättet.

Ein Vorpraktikum machen

Einige Studiengänge verlangen bereits vor Studienbeginn oder spätestens während der ersten Semester ein Praktikum. Zum Glück lassen sich viele Auslandsaufenthalte in der Freiwilligenarbeit als Vor- oder Pflichtpraktikum anrechnen. Idealerweise könnt ihr so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und etwas, das ihr machen wollt, mit dem verbinden, was ihr machen müsst.

Freiwilligenarbeit als Praktikum anerkennen lassen

Nicht alle Freiwilligen-Projekte werden zwangsläufig auch als Praktikum von allen Hochschulen anerkannt. Damit es keine bösen Überraschungen gibt, empfehlen wir folgende Vorgehensweise:

1. Ein passendes Projekt auswählen.

2. Bei der Freiwilligen-Organisation konkrete Informationen einholen: In welcher Art von Aufnahmeprojekt werdet ihr arbeiten? Welchen Berufsabschluss hat die Person, die euch im Projekt betreut?

3. Vom zuständigen Institut an der Uni bestätigen lassen, dass der Freiwilligeneinsatz als Praktikum anerkannt wird. Fragt wirklich die Entscheidungsträger! Nur weil ein Freund von euch an einer anderen Uni ein vergleichbares Projekt hat anerkennen lassen, heißt das noch nicht, dass euer Praktikumsamt genauso entscheidet.

4. Grünes Licht? Erst dann verbindlich bei der Freiwilligen-Organisation anmelden.

Für ein Vorpraktikum im sozialen Bereich, das viele Fach- und Hochschulen für Studiengänge wie Soziale Arbeit oder Pädagogik verlangen, kann man entsprechend ein soziales Projekt auswählen. Auch das vorgeschriebene Pflegepraktikum für das Medizinstudium kann bei bestimmten Einrichtungen so im Ausland absolviert werden. Ähnliches gilt u.a. für die Bereiche Journalismus, Tourismusmanagement, Kommunikation, Landwirtschaft oder Umweltschutz. Für Studiengänge im Bereich Maschinenbau oder Ingenieurwesen gibt es wiederum leider nicht so viele Freiwilligen-Projekte, die sich als Vorpraktika eignen.

Praktikum während des Studiums

Wenn es nicht unbedingt vorgeschrieben ist, kann es trotzdem sinnvoll sein, während des Studiums erste praktische Erfahrungen zu sammeln. Je nachdem was ihr studiert, steht ihr eventuell ab einem gewissen Zeitpunkt erneut vor der Wahl: Welcher Beruf passt am besten zu mir und meinem zukünftigen Uniabschluss? Auf welche Fachrichtung soll ich mich spezialisieren? Ein Praktikum während der Semesterferien eignet sich sehr gut dazu, verschiedene Berufsperspektiven zu erkunden und Klarheit über die eigenen Talente zu bekommen.

Sagen wir, ihr spielt mit dem Gedanken, euch auf Deutsch als Fremdsprache zu spezialisieren: Als Freiwillige im Bereich Bildung könnt ihr leicht ausprobieren, ob euch das Unterrichten liegt und ob ihr lieber mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen arbeitet. So wird selbst ein kürzerer Auslandsaufenthalt, den ihr euch nicht als Studienleistung anrechnen lassen könnt, zur wertvollen Erfahrung, die euch persönlich weiterbringt. Bei der Bewerbung wird es ohnehin positiv wirken, wenn ihr euch auf diese Weise ehrenamtlich engagiert habt.

© wegweiser-freiwilligenarbeit.com

Den Lebenslauf verbessern

Auch wenn ihr schon genau wisst, was ihr mit eurem Studium machen wollt, kann es sinnvoll sein, schon währenddessen erste berufliche Erfahrungen zu machen. Die meisten Unternehmen erwarten heutzutage von Absolvent*innen, dass sie ihr Studium um solche praktischen Erfahrungen ergänzen. Nicht nur Praktika und ehrenamtliches Engagement werden gerne gesehen, sondern idealerweise solltet ihr eben auch Auslandsaufenthalte und erprobte Fremdsprachenkenntnisse vorweisen können.

Projekte in der Freiwilligenarbeit werden gegen zusätzliche Gebühren häufig zusammen mit einem Sprachkurs in der Landesprache angeboten. Das könnte die Gelegenheit für euch sein, eine etwas ungewöhnlichere Sprache zu lernen. Wie wäre es zum Beispiel mit Swahili in Tansania oder Cebuano auf den Philippinen? Mit einer solchen Sprache sticht euer Lebenslauf garantiert aus der Masse heraus.

Natürlich könnt ihr genauso euer Englisch, Französisch oder Spanisch verbessern. Denn diese Sprachen sind in mehreren Ländern Amts- oder zumindest Verkehrssprache. Die Lingua franca Englisch ist darüber hinaus so weit verbreitet, dass sie in vielen Fällen in der Kommunikation mit anderen Freiwilligen oder im Kontakt mit den Organisationen zum Einsatz kommt.

Wer sich einen weiteren Vorteil für den Arbeitsmarkt verschaffen möchte, kann Freiwilligenarbeit in einem der BRIC Länder machen. Als aufstrebende Schwellenländer gewinnen China, Indien, Südafrika und Brasilien zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung. Europäische Firmen sind dabei ihre Präsenz in diesen Ländern zu erhöhen und sehen es gerne, wenn man gerade dort schon Erfahrungen gesammelt hat. Bei der Wahl des Ziellandes solltet ihr dies also vielleicht ebenfalls berücksichtigen.

Möglichkeiten für Freiwilligenarbeit im Ausland

Freiwilliges Engagement könnt ihr auf verschiedene Art und Weise im Ausland angehen:

Es gibt geregelte Freiwilligendienste wie weltwärts, den Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IFJD), den Europäischen Freiwilligendienst (EFD) und kulturweit. Sie werden öffentlich bezuschusst, dauern meistens ein Jahr oder länger und haben durch die Bewerbungsphase eine längere Vorlaufzeit.

Engagement außerhalb dieser geregelten Freiwilligendienste wird oft als Freiwilligenarbeit oder Volunteering bezeichnet. Das Konzept des Workcamps fällt auch darunter. Am eindeutigsten ist wohl der Begriff flexible Freiwilligenarbeit, da der markanteste Unterschied zu den Freiwilligendiensten zeitliche Flexibilität ist. Für die meisten Projekte bei privaten Freiwilligenorganisationen gibt es nämlich keine lange Vorlaufzeit und ihr könnt euch auch kurzfristig anmelden. Außerdem seid ihr freier in der Wahl der Projektdauer: so könnt ihr zum Beispiel auch während der Ferien oder der vorlesungsfreien Zeit für ein paar Wochen oder wenige Monate losziehen. Wenn ihr so viel wie möglich probieren wollt, lassen sich sogar mehrere Projekte und Länder hintereinander planen.

Über den Autor:
Frank Seidel weiß aus eigener Erfahrung, wie Engagement im Ausland die Berufswahl bestimmen kann: während eines Praktikums in einem französischen Naturschutzgebiet nach Abi und Zivildienst (den gab’s damals noch) warf er seinen lang gehegten Studienwunsch »Geografie mit Schwerpunkt Landschaftsökologie« über den Haufen und wandte sich dem Social Marketing zu. Heute betreibt er unter anderem das unabhängige Online-Portal für flexible und sinnvolle Freiwilligenarbeit im Ausland wegweiser-freiwilligenarbeit.com.

Quellen:

*http://www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201404.pdf,http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/neue-studie-zahl-der-studienabbrecher-steigt-an-15042502.html

**https://www.bmbf.de/pub/Berufsbildungsbericht_2016.pdf

***https://www.bibb.de/dokumente/pdf/bwp-2012-h2-04f.pdf