Foto: © Presseamt Stadt Essen/ Peter Prengel

Die Europäische Kommission hat die Stadt Essen zur Umwelthauptstadt 2017 gekürt. Im kommenden Jahr wird Essen also European Green Capital – dazu erst einmal herzlichen Glückwunsch! Worum genau geht es bei dem Wettbewerb?

Sabine Raskob: Vielen Dank. Mit dem Titel Grüne Hauptstadt Europas  wird eine europäische Stadt ausgezeichnet, die nachweislich hohe Umweltstandards erreicht hat und fortlaufend ehrgeizige Ziele für die weitere Verbesserung des Umweltschutzes und der nachhaltigen Entwicklung verfolgt. Da mehr als zwei Drittel aller Europäer in Städten leben, haben viele Umweltschutzanstrengungen hier ihren Ursprung. Der Wettbewerb soll Städte zu weiteren Maßnahmen anregen und eine Plattform zur Vorstellung bewährter Verfahren bieten sowie den Austausch zwischen europäischen Städten voranbringen.

Auf welche konkreten Kriterien werden die Bewerberstädte durch die Jury geprüft?

Raskob: Die Bewerberstädte müssen konkrete Fragen zu 12 Themenfeldern beantworten:

  • Klimawandel: Schadensminderung und Anpassung
  • Nahverkehr
  • Städtische Grünflächen, die nachhaltige Landnutzung umfassen
  • Natur und Biodiversität
  • Luftqualität
  • Qualität der akustischen Umgebung
  • Abfallerzeugung und -management
  • Wasserwirtschaft
  • Abwasserwirtschaft
  • Öko-Innovation und nachhaltige Beschäftigung
  • Energieeffizienz
  • Integriertes Umweltmanagementsystem

Beim ersten Anlauf 2014 konnte sich Essen gegen die Konkurrenz nicht durchsetzen – damals holte Ljubljana, Sloweniens Hauptstadt, den Titel. Womit konnten Sie dieses Mal die Jury überzeugen? An welchen Themenfeldern wurde in der Zwischenzeit gearbeitet?

Raskob: Das Gesamtkonzept hat die Jury überzeugt. Mit der erfolgreichen Transformationsgeschichte einer Kohle- und Stahlstadt zur grünsten Stadt in Nordrhein-Westfalen ist die Stadt Essen Vorbild für viele Städte Europas im Strukturwandel. Gepunktet hat die Stadt Essen dabei vor allem mit den Projekten "Emscherumbau" und "Neue Wege zum Wasser". Dass wir uns einen Industriefluss zurückerobern, hat in Brüssel zunächst niemand glauben können.

Angesichts der namhaften vorherigen Titelträger wie Stockholm, Hamburg oder Kopenhagen mag es für einige überraschend gewesen sein, dass dieses Mal gerade eine Ruhrgebietsstadt den Titel nach Hause tragen durfte. Welche Klischees oder Vorurteile rund um das Ruhrgebiet musste Essen zuerst einmal entkräften?

Raskob: Das Ruhrgebiet leidet immer noch unter vielen Klischees. Vielerorts haben die Menschen immer noch das Bild von rauchenden Schloten, grauer Wäsche und Zechen im Kopf. Anfangs fiel es auch der EU-Kommission schwer, den Titel Grüne Hauptstadt Europas  in Einklang mit einer Stadt der Montanindustrie zu bringen. Das hatte es in der Geschichte des Awards zuvor noch nie gegeben. Aber die Auszeichnung beweist, dass sich hier in den letzten Jahren viel getan hat. Und wir haben noch viel vor. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, ist herzlich eingeladen, uns im nächsten Jahr zu besuchen und hier sein ganz persönliches „Grünes Wunder“ zu erleben.

Foto: © Johannes Kassenberg

Das Ruhrgebiet befindet sich auf Grund seiner Vergangenheit als ehemaliges Epizentrum der Kohle- und Stahlindustrie zurzeit in einem starken Strukturwandel. Welche Potentiale sehen Sie gerade im Ruhrgebiet für einen nachhaltigen Wandel und wo liegen besondere Herausforderungen?

Raskob: Der große Vorteil ist, dass die Städte hier dicht beieinander liegen und in den letzten Jahren immer enger zusammengewachsen sind. Die Metropole Ruhr blickt heute gemeinsam stolz auf die industrielle Vergangenheit zurück. Für solch eine Region ist es im Allgemeinen leichter, einen Wandel zu vollziehen.

Eine Herausforderung liegt sicher darin, das Thema Nachhaltigkeit im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Aus diesem Grund spielt der Partizipationsgedanke im Grüne Hauptstadt-Jahr  eine besondere Rolle.

Glauben Sie, dass sich nach der Auszeichnung zur Grünen Hauptstadt  das Image der Stadt sowie der gesamten Region verändern wird?

Raskob: Auf jeden Fall. Kaum einer weiß, dass Essen die drittgrünste Großstadt Deutschlands ist. Nun sind alle Augen auf uns gerichtet und wir haben die Möglichkeit, Umweltthemen nach vorne zu bringen und zu beweisen, dass das Ruhrgebiet in Sachen Umwelt schon viel weiter ist, als man denkt. Wenn Politik, Wirtschaft und die Bevölkerung mit uns an einem Strang ziehen, können wir einen enormen Imagegewinn erzielen.

Der Wettbewerb ist seitens der EU so angelegt, dass die Teilnehmer voneinander lernen. Gibt es konkrete Aspekte, bei welchen sich Essen vorherige Titelgewinner zum Vorbild genommen hat?

Raskob: Durch das EU-Netzwerk stehen wir in regelmäßigem Austausch mit den Titelträgern der vergangenen Jahre wie Bristol, Kopenhagen oder auch Ljubljana und profitieren von deren Erfahrungen – sowohl positiver als auch negativer Natur. Sicherlich gibt es inhaltliche Anknüpfungspunkte und thematische Überschneidungen, doch die Stadt Essen ist aufgrund ihrer Vorgeschichte einer Industriestadt nicht mit den anderen Städten zu vergleichen. Aus meiner Sicht ist es auch nicht sinnvoll, anderen Grünen Hauptstädten  nachzueifern. Die Schwerpunkte sind einfach zu unterschiedlich.

Welche Projekte zum Thema Grüne Hauptstadt  sind für 2017 konkret geplant?

Raskob: Am 18. November 2016 stellen wir unser Programm offiziell vor. Zu viel verraten möchte ich an dieser Stelle deshalb nicht. Sicher ist aber, dass wir am 21. und 22. Januar die Grüne Hauptstadt  im Grugapark im Rahmen eines großen Bürgerfestes eröffnen. Dazu möchte ich schon jetzt alle herzlich einladen!

Welchen Stellenwert hat die Partizipation der Bürger*innen für die  Grüne Hauptstadt ? Welche Möglichkeiten haben die Bürger*innen, ihre Grüne Hauptstadt  mitzugestalten?

Raskob: Partizipation ist ein wichtiger Bestandteil der Grünen Hauptstadt Europas, denn der Titel ist nicht nur eine Auszeichnung für die Innovations- und Wandlungsfähigkeit der Stadt Essen, sondern auch für alle Essener Bürger*innen. Die Partizipationsmöglichkeiten sind vielfältig und reichen von der Ideenbörse über ein Volunteer-Programm, das Ende November starten wird, bis hin zu zahlreichen Events und Teilnahmemöglichkeiten, die wir das ganze Jahr 2017 über anbieten. Unser Ziel ist es, dass sich die Essener*innen mit dem Titel und allem, was dazu gehört, identifizieren.

Im Rahmen des Projekts wurden Bürger*innen z.B. dazu eingeladen, Sprüche oder grafische Entwürfe für die Gestaltung von 3.000 Papierkörben im Stadtgebiet einzureichen, um einen Beitrag für eine saubere Stadt zu leisten. Wie war bis jetzt die Resonanz? Sind weitere Projekte geplant, mit denen eine Sensibilisierung für das Thema Nachhaltigkeit im Alltag gefördert werden soll?

Raskob: Den Aufruf haben wir Anfang Oktober in Kooperation mit den Essener Entsorgungsbetrieben (EBE) gestartet. Seitdem sind über 150 Vorschläge eingetroffen und es werden täglich mehr. Dass dieses Projekt so großen Anklang findet, freut mich und zeigt, dass den Essener*innen ihre Stadt am Herzen liegt.

Das Thema Sensibilisierung schwingt in fast allen Projekten der Grünen Hauptstadt  mit. Wenn wir die Stadt Essen noch sozialer, klimafreundlicher, kohlenstoffärmer, resilienter und lebenswerter machen wollen, dann gelingt das nur über den Weg der Sensibilisierung.

Mit welchen lokalen Bürgerinitiativen oder -vereinen arbeitet die Stadt Essen im Rahmen der Grünen Hauptstadt zusammen?

Raskob: Wir stehen in engem Kontakt mit den Bürgerinitiativen und Verbänden wie Essen packt an, RUTE (Runder Umwelttisch Essen) oder Transition Town und unterstützen im kommenden Jahr viele Projekte, die dort ihren Ursprung haben. Gerade vor dem Hintergrund der Partizipation ist diese Zusammenarbeit essentiell, denn die Verbände und Initiativen sind wichtige Kooperationspartner und Multiplikatoren.

Foto: © Jochen Tack

Wie möchte die Stadt Essen sicherstellen, dass die angestoßenen Projekte und geschaffenen Impulse auch über 2017 hinaus eine langfristige, sprich nachhaltige, Wirkung auf die Stadt und die Region haben?

Raskob: Wir wollen im nächsten Jahr kein Event-Feuerwerk abfeuern, das schnell vergessen ist, sondern Denk- und Projektanstöße geben, die das Ruhrgebiet nachhaltig grün machen. Ende 2017, wenn die Grüne Hauptstadt  vorbei ist, beginnt im Ruhrgebiet die grüne Dekade. 2020 ist das Ende des Emscherumbaus, 2022 findet die Schlusspräsentation der Klimaexpo statt, die Metropole Ruhr  hat sich vor Kurzem für die Ausrichtung der Internationalen Gartenausstellung  in 2027 beworben. Und wenn man 2030 zurückblickt, wird man feststellen, dass viele der Standards oder Netzwerke der Grünen Hauptstadt Europas – Essen 2017 angestoßen wurden.

Was macht das Ruhrgebiet für Sie persönlich besonders lebenswert?

Raskob: Ganz klar: die Menschen. Die Metropole Ruhr ist die bevölkerungsreichste Metropolregion in Deutschland und ist geprägt von ihrer multikulturellen Gesellschaft. Die Menschen hier sind stark mit der Region verwurzelt, offen und kontaktfreudig. Daher ist es einfach, Bekanntschaften zu schließen.

Was kann jede(r) Bürger*in „im Kleinen“ tun, um die eigene unmittelbare Umfeld etwas nachhaltiger zu gestalten?

Raskob: Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, mit denen man für mehr Nachhaltigkeit sorgen kann. Zum Beispiel, indem man beim Einkauf gezielt darauf achtet, regionale und nachhaltig hergestellte Produkte zu kaufen. Wer darüber hinaus Papier- oder Baumwollbeutel statt Plastiktüten verwendet, hat schon viel erreicht.

Eine weitere Möglichkeit ist es, das Auto stehen zu lassen. Wer stattdessen auf den ÖPNV oder das Fahrrad umsteigt, sorgt für bessere Luft in der Stadt und für weniger Emissionen im Verkehr. In Essen gibt es 73 Bus- und Bahnlinien und 376 Kilometer Radwege, die für umweltschonende Mobilität sorgen.

Mülltrennen oder Energiesparen sind weitere Beispiele. Mögliche Anlaufstellen sind die Klimaagentur oder der EnergieSparService Essen.