Dr. Martin Heitmann ist in der Studienfachberatung und Koordination für das Studium des "Nachhaltigen Managements" tätig. Sein Fachgebiet: Strategische Führung und Globales Management. Im Interview berichtet er über die Inhalte des Studiums, Erwartungen der Studierenden und seine Perspektive auf die nachhaltige Entwicklung.

Sie sind Studienberater für den Bachelor-Studiengang Nachhaltiges Management an der TU Berlin, was sind Ihre Aufgaben in diesem Bereich?

Martin Heitmann: Mein Chef beschrieb mich kürzlich vor Studierenden als den Um-alles-Kümmerer. Das klingt schmeichelhaft, ist aber doch übertrieben, denn ich habe sehr viele sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Abteilungen der TU, im Referat für Studium und Lehre und natürlich auch in studiengangbezogenen Gremien wie dem Prüfungsausschuss. Diese Kolleginnen und Kollegen haben in ihren Aufgabenbereichen meist konkret zugeschnittene Aufgaben und stehen den Studierenden in zahlreichen Situationen zur Verfügung und zur Seite.

Meine Aufgaben dagegen würde ich – neben der namensgebenden Beratung im engeren Sinne – als Verbindung und Ergänzung all dieser Teilfunktionen unseres Lehrbetriebs sehen. Für mich bedeutet Studienberatung in erster Linie einen engen Kontakt zu den Studierenden zu haben. Das beginnt mit der Einführungswoche vor dem Studienstart, setzt sich über die Betreuung während der ersten Semester, in denen besonders viele Fragen aufkommen, fort und geht bis hin zu Fragen über das Studium hinaus. Themen können also die Studienwahl, die Stundenplanerstellung, Fragen rund um Prüfungen und Praktika, Auslandsstudium, und vieles mehr sein.

Auch wenn der Studiengang von der Teilnehmerzahl her eher klein ist, sind wir trotzdem an einer so genannten Massen-Uni. Da besteht schnell die Gefahr, dass die Studierenden auf die Suche nach dem bekannten "blauen Passierschein A 38" geschickt werden. Das gilt es zu vermeiden und genau dafür bin ich als Studienberater auch da.

Was ist Nachhaltigkeitsmanagement?

Heitmann: Das ist eine schwierige und höchst subjektive Frage. Zumindest ist sie es dann, wenn man nicht nur auf bekannte Definitionen und Aspekte wie einen generationenübergreifenden Erhalt von Ressourcen, eine Begrenzung des Verbrauchs und einen in Frage stehenden Kompromiss zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialen Belangen verweisen mag. Vermutlich würden unsere Professor*innen, unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und Studierenden ebenfalls zu recht unterschiedlichen Antworten kommen.

Meiner Ansicht nach liegt der Schlüssel zu einem allgemeinen Management in Richtung von mehr Nachhaltigkeit auch weniger in einem strikten Patentrezept rigider Verhaltenskodizes, als viel mehr in einem langsamen Prozess des Umdenkens. Bezogen auf die Betriebswirtschaftslehre blicken wir zurück auf einen langen evolutionären Prozess der Optimierung von Entscheidungsprozessen. Diese waren nicht ausschließlich, aber überwiegend und zunehmend vom Streben nach Profitmaximierung geprägt. Und trotz der Anstrengungen von zig Generationen von Forschern aus aller Welt gibt es auch heute noch kein Patentrezept für die Profitabilität eines Unternehmens. Stellen wir nun neben das althergebrachte Ziel der Profitmaximierung aber noch weitere Ziele der Nachhaltigkeit – zum Beispiel ökologische oder soziale Zielkriterien –, dann werden die Managemententscheidungen dadurch nicht einfacher, sondern im Gegenteil noch komplexer. Was ist das Ergebnis? Wir sehen uns auf methodologischer Ebene in einem nicht unwesentlichen Maß einer Kasuistik gegenüber, die von einzelnen Erfolgs- und Misserfolgsfällen des Nachhaltigkeitsmanagements berichtet. Daraus ein Patentrezept ableiten zu wollen, erscheint mir gelinde gesagt verwegen. Aber dennoch können wir gemeinsam etwas verändern. Und zwar, indem wir daran mitwirken, den Boden für eine veränderte Denkkultur und damit andere Entscheidungen vorzubereiten.

In einer selbst durchgeführten Studie kam unter anderem heraus, dass für viele Entscheidungsträger in der Wirtschaft Nachhaltigkeit in erster Linie Langfristigkeit bedeute, unabhängig von der Dimension der Ausprägung. Gefragt nach Nachhaltigkeitsmaßnahmen bei der Umgestaltung ihrer Geschäftsmodelle gab jedoch ein Großteil an, auf Grund von Angst vor internen Widerständen und Ressourcenengpässen davor zurückzuschrecken. Insgesamt zeigte sich einmal mehr, wie sehr lange verankerte Einstellungen und auch Vorurteile das Denken der Manager prägen. In diesem Sinne können wir Gegenbeispiele aufzeigen und die Studierenden müssen im Wechselspiel mit der klassischen BWL entscheiden, wie sehr sie sich dem klassischen Management-Denken anschließen oder grundlegend umdenken möchten. Wir möchten unsere Studierenden nicht in der Weise missionieren, dass wir ihnen vorschreiben, wie sie ihren Alltag zu gestalten haben. Aber für den einen oder die andere ist es dann doch schon inspirierend zu sehen, dass der den Studiengang leitende Professor*in in seinem eigenen Alltag vehement versucht jeden Müll zu vermeiden. In diesem Sinne, und um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen, bedeutet Nachhaltigkeitsmanagement die Schaffung eines Bewusstseins für komplexe Entscheidungen, ggf. auch gegen den bisherigen Mainstream und bestehende Konventionen.

Was ist das Besondere an dem Studiengang "Nachhaltiges Management"? Worin unterscheidet er sich von einem einfachen BWL-Studium?

Heitmann: Das ist selbst für uns, die wir diesen Studiengang betreuen, ein gewisser Lernprozess. Zuletzt habe ich während der Einführungstage zu den Studienanfänger*innen gesagt: »Sie studieren hier BWL, aber eben nicht nur BWL.«. Man sollte sich vom Titel des Studiengangs nicht irreführen lassen und einen Studiengang erwarten, der in jeder Einheit das Thema Nachhaltigkeit aufgreift. Es geht auch nicht nur um "grüne Nachhaltigkeit", wie manche*r zunächst vermutet. Wie schon oben beschrieben, umfasst der Themenkomplex Nachhaltigkeitsmanagement einen großen Fundus plakativer Fälle. Sinn und Zweck dieses Studienganges ist es jedoch, eine profunde betriebswirtschaftliche Ausbildung zu bieten, die von einem Angebot an Pflicht- und Wahlpflicht-Modulen komplettiert wird, die sich mit einer anderen Sichtweise befassen. Teilweise ist das dann im Studienalltag auch durchaus strapaziös für die Studierenden.

Sie sitzen eben nicht nur in den Nachhaltigkeits-Kursen, sondern oft auch in den klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Veranstaltungen zusammen mit Studierenden anderer Studiengänge, zum Beispiel Wirtschaftsingenieur*innen, und fragen sich dann, warum sie denn jetzt noch die aus ihrer Sicht alten oder sogar veralteten Modelle lernen müssen. Das ist vor allem in den ersten Fachsemestern für manche*n schwierig. Nach meinem persönlichen Empfinden entspannt sich dieser Spannungszustand im weiteren Verlauf des Studiums, sobald der Umfang der Wahlpflichtmodule zunimmt und die Studierenden sich noch stärker nach ihren persönlichen Interessen in den Vertiefungsgebieten der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit richten.

Vermutlich hört sich dies bisher doch recht ähnlich zum klassischen BWL-Studium an. Es gibt jedoch eine Reihe weiterer Faktoren, die diesen Studiengang besonders machen. Durch die Einbettung in das Studienangebot einer Technischen Universität stehen den Studierenden sehr viele Möglichkeiten offen, sich nach Bedarf auch ingenieur- und naturwissenschaftlich weiterzubilden und dadurch auch zu technischen Experten zu reifen. Das bedeutet, im Zweifelsfall nicht nur zu wissen, dass eine Anlage anders konzipiert werden sollte, sondern auch wie dies konkret umzusetzen ist. Es wird aber niemand dazu gezwungen, sich in dieser Richtung zu vertiefen. Es ist ein offenes Angebot. Dies geht einher mit einem überaus großen Wahlpflicht- und freien Wahlbereich in der Studiengestaltung, einem der größten überhaupt an der TU Berlin.

Last but not least ist ein Faktor zu nennen, der nicht von der TU Berlin vorgegeben ist, aber vermutlich einer der wichtigsten Punkte überhaupt ist, die für diesen Studiengang sprechen: Der Zusammenhalt der Studierenden untereinander in diesem Studiengang. Sicherlich tut auch die deutliche Beschränkung der Teilnehmer*innenzahl ihr übriges, aber die Studierenden, die wir in den ersten drei Jahrgängen bisher erleben konnten, sind untereinander sehr gut vernetzt, blicken vom ersten Tag an über den Tellerrand und zeigen ein starkes Identitätsverständnis mit ihrer Studierendengruppe. Viele sind Überzeugungstäter und brennen darauf, später wirklich etwas zu verändern. Die Haltung "Naja, ich wusste nichts besseres", die man teilweise sonst bei Studierenden wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge beobachten kann, ist den meisten Studierenden dieses Studienganges fremd. Insofern möchte ich soweit gehen zu sagen, dass der größte Pluspunkt dieses Studienganges nicht unbedingt institutionelle Rahmenparameter sind, sondern die Studierenden selbst!

Inwiefern stellt der Verlauf des Studiums einen Bezug zur Praxis her?

Heitmann: Natürlich variiert der Praxisbezug zwischen den verschiedenen Einheiten solch eines Studiums. Lernt man in einem Modul beispielsweise Details zur Messtheorie, zeigt das je nach Kontext doch deutlich mehr in Richtung Theorie und Forschung. Es gibt jedoch in den aufbauenden Modulen in den höheren Semestern eine ganze Reihe von Veranstaltungen in Kooperation mit externen Partnern, aus denen man viel Praxiswissen mitnehmen kann.

Zum Curriculum gehört ebenfalls ein Wahlpflichtbereich, der interdisziplinäre Projekte oder karrierebezogene Weiterbildungskurse vorsieht. Und nicht zu vergessen ist ebenfalls das vorgeschriebene Pflichtpraktikum, welches während des Studiums absolviert werden soll. Ich bin mir aber gar nicht so sicher, ob wir dieses überhaupt bräuchten. Unsere Studierenden sind ohnehin permanent an den Vorgängen dort draußen interessiert und würden sich auch ohne diesen Zwang in dieser Richtung engagieren. Wenn die Möglichkeit besteht, unternehmen wir auch gemeinsam etwas. Gerade letzte Woche war ich mit 20 Studierenden auf einer Exkursion, um eine große Ver- und Entsorgungsanlage zu besichtigen, die länderübergreifend Modellcharakter hat. Das hat nichts mit dem Curriculum an sich zu tun, aber gehört halt auch dazu, wenn man sich für diese Themen interessiert.

Für wen eignet sich das Studium?

Heitmann: Das Studium in diesem Studiengang ist für alle interessant, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen, aber gleichzeitig auch das klassische betriebswirtschaftliche Rüstzeug mitbekommen möchten. Insofern können alle Studiengangteilnehmer*innen für sich selbst entscheiden, in welche Richtung sie dann später tendieren. Fernab der Eignung schränkt sich die Auswahl der Studiengangteilnehmer*innen aber durch die große Nachfrage gegenüber der beschränkten Platzzahl ein und führt dazu, dass in erster Linie nach Note sehr gute Schulabgänger*innen und nach Wartesemester diejenigen aufgenommen werden, die bereits ein paar Jahre gearbeitet oder eine Ausbildung gemacht haben, und ggf. auch noch eine ähnlich gute Abiturnote haben.

Am Rande sei noch erwähnt, dass man die mathematischen Anforderungen im Rahmen der Basis-Module zu Mathematik und Statistik nicht unterschätzen sollte. Viele Studierende beschreiben diese als anspruchsvoll, erhalten aber auch vielseitige Hilfestellung im Rahmen von Tutorien, Sprechstunden und Vorbereitungskursen. Ich erwähne es nur an dieser Stelle, da Beweber*innen für Management-Studiengänge manchmal die Erwartung hegen, dass das Studium nur ein Minimum mathematischer Kenntnisse erfordere.

Welche beruflichen Perspektiven haben die Absolventinnen und Absolventen mit einem Abschluss im »Nachhaltigen Management«? Wissen Sie um die Jobs einiger Alumni?

Heitmann: Das lässt sich noch nicht ganz abschätzen, da wir erst im dritten Jahrgang des Bachelors sind und der Master gerade in der Konzeptionsphase ist. Mit Blick auf die Pflicht- und Wahlpflichtmodule, die die klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Inhalte vermitteln, sollten jedoch alle gängigen kaufmännischen Berufe offen stehen. Dies erleben wir auch bei den Absolventen*innen der anderen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge unserer Fakultät.

Zusätzlich aber werden für unsere Absolventen*innen dieses Studienganges auch weitere Berufsfelder, beispielsweise in dezidierten Abteilungen zum Umweltmanagement, aber auch in einschlägigen Ministerien, Ämtern, Stiftungen und Vereinen interessant sein.

Mehr über den Studiengang erfahrt ihr hier.