Berufsbild kommunales Klimaschutzmanagement: »Vielfältigkeit ist auf jeden Fall ein Attribut, welches die Arbeit im Klimaschutzmanagement gut beschreibt.«

Klimaschutzmanagerinnen sind für »ihre« Stadt oder Region die ersten Ansprechpartnerinnen, wenn es darum geht, kommunale Klimaschutzprojekte voranzutreiben, alle relevanten Akteure an einen Tisch zu bringen und bürgerschaftliches Engagement zu fördern. Niklas Kuhr ist Klimaschutzmanager der Stadt Wetter (Ruhr) und hat uns erzählt, wie sein Arbeitsalltag aussieht, welche Einstiegsmöglichkeiten es in dieses Tätigkeitsfeld gibt und wie städtische Klimaschutzkonzepte aussehen können.
Junger Mann mit einem Schild in der Hand, auf dem steht "Support your local planet".
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von Charlotte Clarke, 1. Juli 2021 05:17

Das kommunale Klimaschutzmanagement ist ja ein Tätigkeitsfeld mit einem äußerst vielfältigen Aufgabenspektrum. Kannst du uns einen Überblick geben, welche Aufgaben dies umfasst?

Niklas Kuhr: Die Vielfältigkeit ist auf jeden Fall ein Attribut, welches die Arbeit im Klimaschutzmanagement gut beschreibt. Die Aufgaben erstrecken sich über viele verschiedene Handlungsfelder. Ein klassisches Handlungsfeld ist natürlich das Thema erneuerbare Energien, hauptsächlich geht es dabei um Photovoltaik, sowohl auf öffentlichen, als auch auf privaten Gebäuden. Aber auch das Thema Mobilität zum Beispiel ist sehr relevant. Und immer nebenbei läuft, je nach Projekt mal mehr und mal weniger intensiv, die Vernetzung von Akteuren und die Beratung und Information von Bürger*innen.

Kannst du uns kurz zwei oder drei ganz konkrete Klimaschutzmaßnahmen genauer beschreiben, die die Stadt Wetter zurzeit umsetzt (oder plant)?

Kuhr: Als langfristiges Projekt habe ich zum Beispiel zwei Stromsparkoffer zusammengestellt. Das sind Koffer mit Messgeräten, die den Stromverbrauch und das Raumklima messen. Diese können sich Bürger*innen bei der Verwaltung ausleihen und zuhause Stromverbräuche einzelner Geräte messen und so Stromfresser identifizieren. Im Mai haben wir als Stadt zum ersten Mal an der Kampagne STADTRADELN teilgenommen. Generell tut sich hier aktuell viel im Bereich Mobilität, wir sind auch gerade dabei ein Mobilitätskonzept zu erstellen. Man sieht: Ich habe zum einen mit alltäglichen Dingen wie dem Stromverbrauch in Haushalten zu tun, aber auch mit längerfristigen Konzepten.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus?

Kuhr: Das lässt sich so gar nicht genau sagen, einen typischen Arbeitstag gibt es eigentlich nicht. Es ist gewissermaßen schon klassische Projektarbeit. Das heißt, an dem einen Tag geht es mit Projekt X voran, an dem anderen Tag mit Projekt Y. Was dann da an Arbeit anfällt, ist meist recht unterschiedlich. Mal muss mehr recherchiert und aufbereitet werden, mal viel kommuniziert und nicht selten finden auch Termine mit unterschiedlichen Akteuren außerhalb des Büros statt. Da man eigentlich immer mit mehreren Akteuren an einem Projekt zusammenarbeitet, kann man auch nicht immer so genau sagen »Montag mache ich dies und Dienstag mache ich das«. Das ist dann auch immer davon abhängig, welchen Rhythmus die anderen Akteure in einem Projekt so haben.

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Magst du uns etwas über deinen persönlichen Werdegang erzählen? Welchen fachlichen Hintergrund hast du und wie kam es dazu, dass du im Klimaschutzmanagement gelandet bist? Hattest du bereits während deines Studiums eine solche Tätigkeit im Blick?

Kuhr: Ich habe an der Ruhr-Universität in Bochum studiert. Geographie im Bachelor und Stadt- und Regionalentwicklungsmanagement im Master. Die Beziehung von Mensch und Umwelt war spätestens im Masterstudium hauptsächlich mein Schwerpunkt. Speziell das Thema Klima- und Umweltschutz ist auch ein Stück weit persönliches Interesse. Ich halte den Klimawandel für die größte Herausforderung dieses Jahrhunderts mit bereits jetzt starken und irreversiblen Auswirkungen. Wenn ich jetzt da, wenn auch nur im Kleinen, ein bisschen dran arbeiten kann, dann ist das für mich eine sehr interessante Tätigkeit.

(Noch) gibt es ja nur sehr wenige Studiengänge, die sich spezifisch auf das kommunale Klimaschutzmanagement fokussieren. Welche weiteren Studiengänge eignen sich besonders, damit ich gute Chancen habe, in diesem Bereich tätig zu werden? Gibt es vielleicht begehrte (Hard und/oder Soft) Skills, die ich mir schon während des Studiums aneignen kann?

Kuhr: Die Themen Klima und Umwelt sollten einem natürlich schon geläufig sein und mit den Aspekten des Klimawandels und möglichen Gegenmaßnahmen sollte man vertraut sein. Für ebenfalls sehr wichtig erachte ich aber auch Fähigkeiten in Sachen Projektmanagement und Kommunikation, weil diese Skills eigentlich täglich gefragt sind. Interessierten, die durch Ausbildung oder Studium einen solchen Hintergrund mitbringen, kann ich die Arbeit in diesem Bereich nur empfehlen.

Wie sieht es mit Quereinsteiger*innen aus, also Menschen, die bereits im Beruf stehen, aber gerne ins Klimaschutzmanagement wechseln möchten? Kennst du evtl. Weiterbildungsangebote, mit denen ich mich passend qualifizieren kann?

Kuhr: Ich halte den Beruf für Quereinsteiger*innen grundsätzlich für gut geeignet, insofern man die o.g. Skills mitbringt. Das BEW (Bildungszentrum für Ver- und Entsorgungswirtschaft) bietet für interessierte Klimaschutzmanager*innen ein paar nützliche Seminare an. Zum Beispiel das Seminar »Klimaschutzmanager*in für Kommunen« oder auch ein Seminar zum Thema Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Beide werde ich auch in Anspruch nehmen. Insofern man Interesse an dem Thema mitbringt und über die eben genannten Skills verfügt, kann ich mir Quereinsteiger*innen sehr gut in diesem Beruf vorstellen.

Als Klimaschutzmanager*in hat man mit vielen verschiedenen Stakeholdern zu tun, die teilweise auch gegensätzliche Interessen haben können. Das ist einerseits sehr spannend, andererseits natürlich aber auch herausfordernd. Welche persönlichen/menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten sollte ein*e Klimaschutzmanager*in idealerweise mitbringen, um diese Herausforderung gut meistern zu können?

Kuhr: Es ist auf jeden Fall ein Spannungsfeld, das dort besteht. Auf der einen Seite die unaufhaltsame Entwicklung des Klimawandels, die rasche und intensive Maßnahmen erfordert. Und auf der anderen Seite Gesetze, Regeln und natürlich auch die Finanzen, die dafür sorgen, dass die Dinge oft Zeit brauchen. Ein bisschen Frustrationstoleranz kann nicht schaden. Damit meine ich nicht, dass der Job an sich frustrierend ist, sondern eher, dass man ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird und merkt, dass vieles einfach nicht so schnell und umfangreich funktioniert, wie man es sich in der Ideologie vielleicht wünscht. Dennoch ist es natürlich besser, im Rahmen der Möglichkeiten aktiv zu werden, als gar nicht aktiv zu werden. Da muss man dann schon auch ein bisschen moderieren können zwischen den Akteuren, die Feuer und Flamme sind, alles und schnell umzusetzen, und den Möglichkeiten, die die Realität bietet. Dennoch halte ich diese Akteure für sehr wichtig, da sie engagiert und kreativ sind und auch andere begeistern können.

Vier Frauen sitzen zusammen in einem Café und unterhalten sich.
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Inwieweit arbeitest du mit einem Team zusammen? Oder bist du relativ frei bei der Gestaltung deiner Arbeitsprozesse? Ist es üblich, dass Klimaschutzmanager*innen vielleicht sogar ein eigenes Team führen?

Kuhr: Ein eigenes Team führe ich nicht. Innerhalb der Verwaltung ist es je nach Projekt unterschiedlich, mit wem ich zusammenarbeite. Mal mit der Stadtentwicklung, mal mit dem Gebäudemanagement, mal mit dem Stadtbetrieb. Die Abstimmung dabei ist wichtig, da es klare Zuständigkeiten gibt und nichts über irgendwelche Köpfe hinweg passieren sollte. Darüber hinaus spielen natürlich auch andere Akteure eine wichtige Rolle. Je nach Projekt sind das zum Beispiel Vereine, Kirchen, Schulen, Unternehmen oder einfach engagierte Bürger*innen.

Was bedeutet für dich als Klimaschutzmanager »Erfolg«? Das heißt, welche Art von positivem Feedback gibt dir dein Job, bei dem du das Gefühl bekommst »Ich konnte etwas Sinnvolles bewegen!«

Kuhr: Es gibt den klassischen und harten »Erfolgsfaktor« der Treibhausgasbilanz. Es gehört auch zur Aufgabe im Klimaschutzmanagement, eine jährliche Treibhausgasbilanz für die Kommune zu erstellen. Ich halte diesen Faktor allerdings für nicht besonders aussagekräftig. Zum einen ist die Erstellung dieser Bilanz zwar recht aufwändig, aber trotzdem noch mit einigen Ungenauigkeiten verbunden. Zum anderen lässt sich überhaupt nicht klar sagen, was genau diese Bilanz jetzt wie stark beeinflusst. Es ist gar nicht oder nur sehr grob zu berechnen, welche Maßnahme aus dem Konzept welchen Einfluss auf die Bilanz hat. Dazu kommt noch, dass es immer auch andere Faktoren gibt, wie jetzt zum Beispiel während Corona, wo viele Unternehmen gar nicht oder wenig produziert haben, was die Bilanz natürlich etwas verfälscht.

Ich halte daher eher weiche Erfolgsfaktoren für viel aussagekräftiger. Dazu gehört zum Beispiel, innerhalb der Verwaltung (und auch bei allen anderen Akteuren) Strukturen zu etablieren und einfach für dieses Thema zu sensibilisieren. Es geht also um Information und Beratung und darum, dafür zu sorgen, dass Klima und Umwelt in den Gedanken immer eine Rolle spielen und berücksichtigt werden. Nur so ist es überhaupt möglich, auch nachhaltig etwas zu ändern. Also quasi ein bisschen »Hilfe zur Selbsthilfe«. Natürlich sollte das Ganze mit Maßnahmen und Projekten gestützt werden. Diese helfen ja letztendlich auch, auf das Thema aufmerksam zu machen. Es reicht aber absolut nicht, einfach in drei Jahren einen Maßnahmenkatalog abzuhaken und danach ist das Thema wieder aus dem Sinn.

Was macht für dich ein wirklich gutes, ambitioniertes Klimaschutzkonzept aus? Gibt es vielleicht eine Stadt (auch europa-/weltweit), die für dich diesbzgl. ein beeindruckendes Vorbild darstellt?

Kuhr: Ich finde schon diese Bilder aus den großen Städten und Metropolen beeindruckend, wo ganze Straßenzüge vom Autoverkehr befreit und begrünt werden. Ansonsten sind die Klimaschutzkonzepte der kleinen und mittleren Kommunen alle recht gleich aufgebaut und beinhalten auch viele ähnliche Maßnahmen. Man muss ja auch immer schauen, was vor allem finanziell machbar ist. Aber auch hier ist das Konzept für mich eher so etwas wie der Rahmen und noch wichtiger sind in meinen Augen die Prozesse, die angestoßen werden und die Etablierung dieses Themas in der Verwaltung und in den Köpfen der Bürger*innen. Was das Engagement aus der Bevölkerung angeht, ist Wetter durchaus ein positives Beispiel.

Was ist für dich der größte Unterschied zwischen der Arbeit in einem (privatwirtschaftlichen) Unternehmen und dem öffentlichen Dienst? Was sind aus deiner Perspektive die jeweiligen Vor- und Nachteile?

Kuhr: Der Vorteil in der Verwaltung ist ganz klar, dass man hier kurze Wege zu den entsprechenden Fachdiensten hat, alles eng miteinander abstimmen kann und einfach dort sitzt, wo letztendlich auch gehandelt wird. In einem privaten Büro ist man wahrscheinlich etwas flexibler, aber in der Umsetzung ist man hier letztendlich auch auf die Verwaltungen angewiesen.

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