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Achtsamkeit & Selbstverwirklichung

Die perfekte Stellenanzeige und das unperfekte Ich. Vom »Impostor Phänomen.«

von Charlotte Clarke, 7. August 2020 07:42
Irgendwann finden die anderen heraus, dass ich eigentlich gar nicht qualifiziert für den Job bin. Die eigenen Erfolge? Purer Zufall. Lob und gute Referenzen? Wurden doch nur aus Mitleid ausgesprochen. Kämpfst du öfter mit derartigen Gedanken, kann es gut sein, dass es sich dabei um das »Impostor Syndrom« handelt. Dieses psychologische Phänomen lässt uns offensichtliche Erfolge und vorhandene Fähigkeiten herunterspielen und erzeugt besonders im Job große Unsicherheit. Doch damit bist du bei weitem nicht allein! Stärkencoach Kerstin verrät dir, wie du mit diesen Gedanken konstruktiv umgehen kannst.

Dieser Gastartikel wurde verfasst von Kerstin Schachinger, Kompetenzberaterin und Gründerin von skill tree


Da ist sie. Die perfekte Stellenanzeige. Das kann nicht wahr sein, das wäre doch… wow. Nein.

Als ich durch ein eben entdecktes Jobangebot bei einer auf den ersten Blick wahnsinnig inspirierenden Organisation scrolle, überlege ich doch tatsächlich, alle meine bisherigen Pläne hinzuschmeißen. Ich hatte schon lange aufgegeben, hatte nicht mehr an einen passenden Job für mich geglaubt. Da war er. Kann das wahr sein?

Doch die Euphorie ist schnell dahin. Sofort schleicht sich dieses miese Gefühl in meine Knochen. »Sie werden es merken. Wie lange kann ich mich verstecken? Wie lange kann ich verheimlichen, dass ich gar nicht gut genug bin für die Stelle?«

Ich schaue mir die dort angestellten Mitarbeiter*innen auf LinkedIn an und sehe, welche Profile sie haben. Sehe, was sie schon alles Tolles gemacht haben. Sehe, mit wem sie verbunden sind - quasi mit den Stars in meiner Branche, zu denen ich seit Monaten bewundernd aufschaue.

Das kann nicht gut gehen. Wie soll ich denen gegenüber denn überhaupt auftreten? Was muss ich sagen oder wie muss ich mich kleiden, dass nicht auffällt, dass ich eigentlich nur ein Impostor bin, ein Mädchen, das völlig unrealistisch ihren beruflichen Träumen hinterherläuft und endlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden muss?

STOP.

Es ist Zeit, mein Gedankenkarussel in die Schranken zu weisen. Nein, ich bin kein Mädchen mehr, sondern eine erwachsene Frau. Nun gut, über den Grad des Erwachsenseins lässt sich streiten. Eine Frau Anfang 30 mit zwei Studienabschlüssen, mehreren Weiterbildungen, 6 Jahre Berufserfahrung als Angestellte, 10 Jahre Berufserfahrung als freie Trainerin. Internationale Arbeitserfahrung (Österreich, Deutschland, Großbritannien und auf den Philippinen), Gründerin einer überraschend erfolgreichen MeetUp-Gruppe in Berlin, eines überraschend schnell gewachsenen gemeinnützigen Vereins, sowie einer überraschend beliebten Marke, mit der ich mein eigenes Unternehmen gegründet und nun als selbstständige Kompetenzberaterin arbeite. Überraschend erfolgreich. Das muss ich mir selbst immer wieder sagen, sonst passiert folgendes: Ich vergesse es schlichtweg.

Und dann beschleicht mich das Gefühl, ich hätte mir das alles erschwindelt. Gleich kommt jemand und deckt auf, dass ich hier auf keinen Fall stehen dürfte. Dass ich all diese Stationen nicht in meinen Lebenslauf schreiben darf. Dass die Verantwortung beim letzten Projekt nie bei mir liegen hätte dürfen. Und wer erlaubt eigentlich, dass ich selbstständig arbeiten darf? Meine guten Referenzen kommen bestimmt nur von Leuten, die Mitleid mit mir hatten. Blablablubb – STOP – Gehirn, das darf doch nicht wahr sein!

Mit dieser Unsicherheit im Gepäck habe ich viele Jahre lang bei meiner Arbeit gekämpft und sie begleitet mich, wie du siehst, noch heute. Sie hat mich mehr arbeiten lassen, als mein Körper und Geist für gut befunden hat, weshalb der dann auch irgendwann STOP gesagt hat. (Und ja, ich hab mir immer eingebildet, dass ich NIE betroffen sein könnte von so einem Erschöpfungszustand. Wer weiß, wie ich auf die Idee kam, aber wir sind alle keine Superheld*innen und haben alle unsere Grenzen.)

Was ich jahrelang nicht wusste, ist, dass genau dieses Muster einen Namen hat. Und dass ich, sobald ich es entlarve, die Person sein kann, die sich sehr wohl für diesen Job bewirbt, die weiterhin durch gute selbstständige Arbeit zahlreiche Menschen unterstützt. Die ihre Unsicherheiten wahrnimmt und mit ihnen arbeitet.

Das Muster heißt IMPOSTOR PHÄNOMEN und wird umgangssprachlich oft IMPOSTOR SYNDROM oder HOCHSTAPLER SYNDROM genannt. Es handelt sich hierbei um keine Krankheit (Magnet 2018: S. 18), weshalb der Begriff »Syndrom« genau genommen auch unpassend ist, sondern um ein Phänomen, welches bei vielen von uns immer wieder auftritt:

Die Angst, nicht gut genug zu sein, das Gefühl, jederzeit »aufzufliegen«, das punktuelle oder sogar ständige Unvermögen, eigene Erfolge anzuerkennen und zu verinnerlichen.

Kompetenzberaterin Kerstin Schachinger; Foto ©: Lieblingslicht 2020


Erstmal: Herzlich Willkommen im Club. Seit es die Begriffe in die Medien geschafft haben, outen sich mehr und mehr Menschen, unter diesem Gefühl zu leiden, darunter auch Emma Watson, Kate Winslet, Jodie Foster, Maya Angelou. Und ja, auch Männer hadern mit denselben inneren Konflikten: der britische Autor Neil Gaiman sprach darüber, Albert Einstein soll wohl darunter gelitten haben. Eigentlich ein guter Club, in dem wir hier sind, oder?

Im kreativen Umfeld scheint man bereits mancherorts ein Bewusstsein dafür entwickelt zu haben, dass dieses Phänomen existiert und viele talentierte, kompetente, starke Persönlichkeiten umtreibt und plagt. Im Unternehmensumfeld wird meiner Erfahrung nach noch selten darüber gesprochen: Schließlich dürfen wir ja auf keinen Fall zugeben, dass wir uns mit etwas unsicher fühlen, denn dann wird uns die Verantwortung genommen, der Job ist weg. (Oder?)

Dabei würde genau das helfen, die eigenen Unsicherheiten nicht zum Tabuthema zu machen, sondern offen darüber zu sprechen. Du weißt nicht alles. Na und? Wie bist du bis jetzt mit Wissenslücken umgegangen? Was hast du denn all die Jahre in der Schule gemacht? Warum gibt es YouTube-Tutorials, Bücher, Onlinekurse? Um dich mit Wissen zu versorgen. Schon mal versucht, jemanden zu fragen, die oder der Erfahrung in dem Bereich hat? Du kannst nicht alles. Na und? Warum gibt es Trainings, Weiterbildungen, Stretch-Assignments im Job? Um dich mit neuen Kompetenzen zu versorgen.

Außerdem kannst du ohnehin ziemlich sicher viel mehr, als du denkst. Je mehr du darüber sprichst, desto mehr wird dir aber wahrscheinlich dein Umfeld – und deine Taten selbst – spiegeln, dass deine Unsicherheiten oft gar nicht auf Fakten beruhen. Dass wir alle uns immer wieder unsicher fühlen und das kein Grund ist, den Kopf in den Sand zu stecken. Es gibt auch keine zwei Gruppen von Menschen, die Selbstsicheren und die Unsicheren, sondern wir alle bewegen uns ständig zwischen diesen beiden Polen:

Während sich jemand in einem Moment total sicher fühlt, wie der größte Star der Welt, unangreifbar und unaufhaltbar, kommen im nächsten Moment so große Selbstzweifel, dass man sich einfach nur noch verstecken möchte. Hat man sich eben verletzlich gezeigt und ist noch nicht gewöhnt daran, kommt vielleicht das, was Brené Brown so schön den »Vulnerability Hangover« nennt.

Was steckt nun genau hinter dem Impostor Phänomen, woher kommt es und wer ist besonders betroffen? Laut der britischen Psychologin Dr. Jessamy Hibberd wird es besonders durch unsere Sozialisation geprägt: wie unser Umfeld auf unsere Kindheitserfolge reagiert hat, wie selbstverständlich Errungenschaften gesehen wurden. In ihrem Buch »The Impostor Cure« beschreibt sie fünf Kompetenztypen (Hibberd 2019: 40ff., nach Dr. Valerie Young 2011, beschrieben auch in Magnet 2018: 36ff.), welche besonders oft unter dem Impostor-Phänomen leiden:

1. Die Perfektionist*innen

Du setzt dir selbst wahnsinnig hohe Standards und denkst, du musst diese zu 100% deiner Zeit erreichen.

2. Die Naturtalente

Du setzt dir ebenso hohe Standards und denkst, du müsstest alles beim ersten Versuch schaffen.

3. Die Expert*innen

Du denkst, wenn du wirklich clever wärst, würdest du bereits alles wissen, was du brauchst, um eine Herausforderung zu meistern.

4. Die Einzelgänger*innen

Du denkst, etwas ist nur dann eine Errungenschaft, wenn du es alleine geschafft hast. Um Hilfe bitten siehst du als Scheitern an.

5. Die Superheld*innen

Du misst deinen Erfolg daran, in wie vielen Rollen du gleichzeitig eine großartige Performance zeigen kannst und gönnst dir nie eine Pause.


Na, erkennst du dich in einem Kompetenztyp wieder? Oder vielleicht sogar in mehreren? Ahnst du, dass das Impostor Phänomen auch dich gerne mal einholt? Dir als extra Geschenk gedankliche  und emotionale Barrieren, sowie jede Menge Stress mitbringt? Vielen lieben Dank auch.

Nun ist die Frage: Was tun? Hier habe ich 5 Tipps für dich (und mich), um unser Impostor Phänomen immer wieder zu überkommen:

  • Become aware & know about it. Informier dich, um deine Impostor Gedanken und Gefühle ab sofort schneller entlarven zu können.
  • Fühl dich trotz Unsicherheiten stark. Wir alle sind immer wieder unsicher. Handeln wir trotzdem, zeigen wir vor allem Mut.
  • Sieh das große Ganze. Schau dir deinen Lebenslauf an. Ergänze ihn um jede »Kleinigkeit«. Was hast du schon alles geschafft? Das kann doch kein Zufall sein!
  • Sammle positive Erfahrungen. Wir lernen am wirksamsten, indem wir etwas selbst ausprobieren und erfahren, dass es funktioniert. Dazu gehört auch: Fail until it works.
  • Hör auf, alles perfekt machen zu wollen. Sieh Feedback als eine Möglichkeit für dein Gegenüber, mitzugestalten – und das wollen wir doch alle, oder?

Du bist keine Hochstaplerin, kein Hochstapler, wenn du dich mit deinen Stärken und Kompetenzen zeigst.

Nochmal, für alle, die das nochmal lesen sollten:

Du bist keine Hochstaplerin, kein Hochstapler, wenn du dich mit deinen Stärken und Kompetenzen zeigst.

Erst durch deine Sichtbarkeit können andere von deinem Mehrwert, den du mit uns teilst, profitieren!

Und wir brauchen dich mit deinen Erfahrungen, deiner Perspektive, deiner kreativen Vielfalt. Also los, bewirb dich bei der perfekten Stellenanzeige. Die ist nämlich genauso unperfekt, wie wir alle.


PS: Du fühlst dich total angesprochen und hättest Lust auf einen interaktiven Onlinekurs, wo du lernst, wie du dein Impostor Phänomen überwindest? Dann werde jetzt Teil der Pionier-Gruppe, die durch Teilnahme an Umfragen und Feedback aktiv mitgestalten kann! Ich freu mich auf dich. 

Alles Liebe, deine Kerstin

Zum Weiterlesen:

Hibberd, Jessamy (2019): The Imposter Cure. How to stop feeling like a fraud and escape the mind-trap of imposter syndrome. London: Octopus Publishing Club.

Magnet, Sabine (2018): Und was, wenn alle merken, dass ich nichts kann? Über die Angst, nicht gut genug zu sein. München: mvg Verlag.

Über Kerstin

Kerstin Schachinger ist Wortsammlerin, Baumliebhaberin und Gründerin von skill tree. Sie unterstützt als erfahrene Trainerin und Kompetenzberaterin. In ihren vielfältigen vergangenen Verantwortungen innerhalb von Unternehmen, als Workplace Learning Consultant oder als Gründerin und Leiterin eines gemeinnützigen Vereins hat sie das Sehen von Stärken verinnerlicht. Mehr Infos findest du auf der Website von skill tree.


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