Berufe für Hochsensible: »Die Hochsensibilität ist wirklich eine Superkraft, da sie mit ganz vielen besonderen Stärken und Fähigkeiten einhergeht.«

Hochsensiblen Personen fällt die Entscheidung für einen Karriereweg oft besonders schwer: Auf der einen Seite steht das tiefe Bedürfnis, die eigenen Werte im Beruf zu leben - auf der anderen Seite droht eine schnelle Überlastung, wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen. Und dies ist nur eines von vielen Spannungsfeldern. Wir haben uns deshalb mit Lore Sülwald unterhalten. Die Coachin und Expertin für Hochsensibilität verrät uns im Interview, worauf du als hochsensibler Mensch bei der Berufswahl achten solltest und was dir dabei helfen kann, deine Berufung zu finden.
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von Jana Hansl, 2. August 2022 07:12

 

Was genau ist eigentlich Hochsensibilität?

Lore Sülwald: Jeder Mensch ist sensibel und Sensibilität bedeutet die Fähigkeit, die Umgebung wahrzunehmen und diese Wahrnehmung zu verarbeiten. Das ist eine grundlegende Anpassungsleistung aller Menschen. Aber man hat herausgefunden, dass es verschiedene Stufen gibt. Neueste Studien gehen davon aus, dass sich ungefähr 40 Prozent der Menschen in einem mittleren Sensibilitätsspektrum befinden, 30 Prozent im niedrigen Sensibilitätsspektrum und ganze 30 Prozent in einem hohen Sensibilitätsspektrum. Die Sensibilitäten sind bei jedem Menschen verschieden stark ausgeprägt, auch bei hochsensiblen Menschen. Aber was hochsensible Menschen tatsächlich vereinigt, ist eine höhere Wahrnehmung der Umgebung, eine tiefere und komplexere Verarbeitung der Eindrücke, sehr hohe Empathie und ein Bewusstsein für Feinheiten. Und was dann oft negativ empfunden wird, ist eine schnellere Überstimulation und dadurch ein erhöhtes Stresslevel.

 

Eine hohe Empathie würde hochsensible Personen auf der einen Seite für soziale Berufe prädestinieren. Auf der anderen Seite tendieren Hochsensible dazu, schneller gestresst zu sein. Wie siehst du das in Bezug auf die Berufswahl?

Lore: Da ist es spannend, sich die verschiedenen Sensibilitäten anzuschauen. Es gibt die körperliche Sensibilität, das heißt, dass viele hochsensible Menschen sehr intensiv auf äußere Reize, wie z.B. Geräusche reagieren. Dann gibt es die emotionale Sensibilität, das heißt, die ganzen Stimmungen und Emotionen der Kolleg:innen werden stark wahrgenommen. Oder die soziale Sensibilität: Das bedeutet, sehr feine Antennen dafür zu haben, wie alle miteinander in Beziehung stehen. Und es gibt das, was man das komplexe Bewusstsein nennt, also große Zusammenhänge zu verstehen und etwa in einem Team sehr schnell Probleme zu erkennen. Und es gibt die Wertesensibilität. Werte sind für alle Menschen wichtig, aber hochsensible Menschen kann das wirklich krank machen, wenn ihre Werte im Beruf nicht gelebt werden.

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Auf diesen verschiedenen Ebenen braucht es immer eine Balance, es kommt darauf an, auf was genau man sehr sensibel reagiert. Wenn ich körperlich extrem sensibel bin, dann ist das Home Office wahrscheinlich besser für mich, denn die Umgebung spielt da eine ganz wichtige Rolle. Aber auch wenn die Werte nicht miteinander übereinstimmen oder es eine schlechte Atmosphäre im Kollegium gibt, kann das dazu führen, dass man sich bei der Arbeit nicht wohlfühlt. 

Auf dieser Grundlage kann man dann erkennen, ob z.B. die Tätigkeit zwar den eigenen Talenten entspricht, jedoch das Umfeld nicht stimmig ist. Und das ist tatsächlich oft ein Konflikt, in dem sich hochsensible Menschen befinden. Sie achten manchmal nicht genug auf ihre Balance, weil sie so sehr für ihre Werte losgehen. Oder sie sagen: »Ich habe so viele Talente und ich weiß gar nicht so richtig, wo mein Ort ist.« Wenn  jemand als Physiotherapeut:in oder Osteopath:in arbeitet, dann sagen sie manchmal: »Ich bin sehr gut in meinem Beruf, aber das laugt mich stark aus, ich brauche sehr viel Regenerationszeit.« Hochsensible Menschen brauchen genug Pausen und ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, um die ganzen Reize verarbeiten zu können.

Wie hilfst du deinen Klient:innen, mit ihrer Sensibilität im Beruf umzugehen und ihre Berufung zu finden?

Lore: Bei mir steht oft die Biografiearbeit im Vordergrund und ich arbeite ressourcenorientiert. Dann geht es darum, genau zu analysieren, was eigentlich das Anliegen ist: Es kann sein, dass die Tätigkeit an sich nicht ausfüllend ist, dass das Umfeld nicht passt, oder auch, dass mit den Kolleg:innen oder mit den Vorgesetzten die Kommunikation nicht funktioniert. Dann arbeiten wir zum Beispiel daran, die eigenen Stärken oder die eigene Arbeitsweise zu erkennen und diese positiv zu kommunizieren. 

Es gibt so viele Strategien, wie es Menschen gibt, das ist eine ganz individuelle Sache. Für das Großraumbüro können zum Beispiel Noise-Cancelling-Kopfhörer für Entspannung sorgen. Aber manchmal ist der Arbeitsplatz einfach nicht passend und man muss sich eine andere Stelle suchen, allerdings mit dem Wissen, unter welchen Bedingungen man leistungsstark arbeiten kann. Die meisten haben das Gefühl, schnell gestresst zu sein und viele Pausen zu brauchen. Es geht darum, einen gesunden Blick auf die eigene Kraft zu entwickeln, denn hochsensible Menschen haben unglaublich viel Energie und sind sehr leistungsstark, aber brauchen eben an anderen Stellen Pausen, Rückzug oder ein anderes Arbeitsumfeld.

Ein anderes Beispiel: Eine Texterin kann nicht schnell einfach irgendwelche Texte produzieren, aber das, was sie macht, ist sehr genau und das muss nicht mehr verbessert werden. So etwas kann man schon im Vorstellungsgespräch kommunizieren. 

Einigen hochsensiblen Menschen fällt es schwer, sich auf nur ein berufliches Gebiet zu spezialisieren, sie haben manchmal sehr bunte Lebensläufe. Ich frage dann: Was war eigentlich die Entscheidung für diesen Beruf oder für dieses Studium? Welche Aspekte magst du daran besonders gern? Unter welchen Bedingungen hat das viel Freude gemacht? Vielleicht war der Beruf eigentlich gar nicht so schlecht, aber die Bedingungen haben nicht gepasst. Von dort aus arbeiten wir uns zur Berufung hin – sie kann zum Beispiel eine besondere Fähigkeit sein, für die man nur noch den passenden Rahmen suchen muss. Es ist auch möglich, nochmal eine Weiterbildung zu machen oder ein Studium oder einen anderen Beruf zu finden, aber das muss nicht unbedingt immer sein. Es kann auch einfach darum gehen, die eigenen Fähigkeiten im richtigen Kontext als Berufung zu leben.

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Was hat dir persönlich dabei geholfen, deine Berufung zu finden?

Lore: Das Machen und Ausprobieren. Während meiner Ausbildung als Industriekauffrau durften wir Auszubildenden einen eigenen Geschäftsbereich verwalten. Da habe ich ganz viel gelernt, aber auch immer gedacht: »Ich bin hier irgendwie falsch.« Ich war zwar erfolgreich, aber es hat sich nie wirklich gut angefühlt. Dann habe ich nebenberuflich an der Fernuniversität Philosophie, Literatur, Geschichte und Soziologie studiert. Über einen Kontakt konnte ich in den Buchhandel wechseln, was schon viel besser zu mir gepasst hat. Trotzdem bin ich mit meiner Hochsensibilität immer angeeckt und ich habe immer wieder meinen eigenen Zustand reflektiert.

Eine Frage, die mich lange begleitet hat, war immer: »Wenn Geld keine Rolle spielt, was würde ich dann jetzt tun?« Daraufhin habe ich oft Dinge verändert, meine Bedingungen verbessert und mir Unterstützung von außen geholt. Als ich dann mit dem Studium fertig war, habe ich mich gefragt: »Wie will ich eigentlich weiterleben und arbeiten? Was kann ich gut und was mache ich gerne in welchem Kontext?«

Philosophie war mein Schwerpunkt im Studium und die dialektische Philosophie ist dem systemischen Fragen im Coaching sehr ähnlich. Ich hatte viel Erfahrung in Unternehmen und verschiedenen Branchen gesammelt, habe in der Buchhandlung gern beraten in der Buchhandlung und kann mir Geschichten einfach gut merken. Und über diese Fähigkeiten und das, was ich gerne gemacht habe, bin ich zu Beratung und Coaching gekommen. Im Tun ist dann auch das Thema der Hochsensibilität wieder zu mir gekommen, in Form meiner Klient:innen.

Es ist ein Prozess und ich möchte allen Mut machen, einfach den nächsten Schritt zu gehen und sich zu erlauben, immer wieder zu reflektieren, ob das, was man gerade macht, noch zum eigenen Leben passt - denn das Leben verändert sich eben ständig, damit verändern sich auch die Herausforderungen an uns und an unsere Hochsensibilität. Auch, wenn ich heute denke: Das ist jetzt in diesem Moment der perfekte Job, dann ist das okay, wenn es morgen nicht mehr perfekt ist.

Außerdem ist es wichtig, zu wissen, dass wir unsere Berufung leben, indem wir unsere Stärken leben. Und das können wir immer, auch unabhängig von der jeweiligen beruflichen Situation.

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Gibt es denn bestimmte Berufsfelder, von denen du hochsensiblen Personen abraten würdest oder die sich besonders gut eignen?

Lore: Es gibt introvertierte hochsensible Menschen und extrovertierte hochsensible Menschen. 70 Prozent der Hochsensiblen sind eher introvertiert und 30 Prozent eher extrovertiert. Wenn man introvertiert und hochsensibel ist, würde ich z.B. das Großraumbüro oder den Einzelhandel nicht empfehlen. Ich habe allerdings schon in vielen verschiedenen Berufen hochsensible Menschen gesehen, selbst hochsensible Politiker:innen. Früher hätte ich vielleicht gesagt, dieser oder jener Beruf passt eher, aber das glaube ich nicht mehr. Das kommt auch sehr auf das eigene Temperament, die Sozialisation und das Umfeld an. 

Wenn man extrovertiert und hochsensibel ist, ist es oft eine größere Herausforderung, in Balance zu sein, denn dieser Wunsch nach Rückzug, der ist ein bisschen wie Introversion. Gleichzeitig gibt es einen hohen Bedarf, rauszugehen, Impulse von außen zu bekommen und so Energie und Kreativität aufzufüllen. 

Eine Stärke, die viele vereint, ist dieser 360-Grad-Blick. Hochsensible sind sehr gute Brückenbauer:innen, Mediator:innen und Vorgesetzte. Eine große Stärke ist auch dieses Feingefühl, z. B. als Trendscout. Daraus ergibt sich ein breites Spektrum, da würde ich niemanden irgendwo in eine Schublade stecken wollen. Die meisten hochsensiblen Menschen verfügen über eine hohe Kreativität und und eine hohe soziale Kompetenz.

Gibt es etwas, das du unseren Leser:innen als Schlusswort mit auf den Weg geben möchtest?

Lore: Wenn du entdeckst, dass du hochsensibel bist, ist es das Wichtigste, diese Eigenschaft anzunehmen und auf keinen Fall als Mangel anzusehen. Im ersten Moment fragst du dich vielleicht: »Und was mache ich denn jetzt damit?« Dann ist es wichtig, das bisherige Leben nochmal neu zu bewerten und das Konzept der Hochsensibilität sowie den eigenen Körper gut zu verstehen. Du kannst dir auch Unterstützung suchen, die zu dir als hochsensibler Mensch passt – z. B. durch den Austausch mit anderen hochsensiblen Menschen. Bei unseren Workshops sagen die Teilnehmenden immer, dass sie sich angenommen gefühlt haben und dass alles so natürlich war. 

Die Hochsensibilität ist wirklich eine Superkraft, da sie mit ganz vielen besonderen Stärken und Fähigkeiten einhergeht, einem ganz viel Energie zur Verfügung steht und man sehr belastbar ist. Das ist etwas, das viele unterschätzen. Man geht davon aus, dass Hochsensible die Reize aus der Umwelt bis zu zehnmal so intensiv wahrnehmen, wie normalsensible Menschen. Wenn ich das aushalte, den ganzen Tag, bin ich ja eigentlich extrem belastbar. Es geht darum, sich diese Stärke wirklich bewusst zu machen.

 

© Carina Adam Photography
Über Lore Sülwald

Lore ist zertifizierte systemisch-integrative Coachin und Gründerin ihres Unternehmens COACHING BAUM. Sie hilft Menschen dabei, ihre Sensibilität als Stärke zu sehen und besser in Einklang mit ihrem Leben und Berufsalltag zu bringen. Ihre Vision ist es, das Wissen über Hochsensibilität und das Bewusstsein für verschiedene Sensibilitäten in Unternehmen und Organisationswelten zu bringen.

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