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Diese Gespräche führen Sie bereits seit fast 10 Jahren, auch ganz privat. Ist so auch die Idee für die millionways Stiftung entstanden?

Cordsmeier: Genau, das ist auch das Besondere. Da ich mit Anfang 20 selber auch nicht wusste, was ich will, war das ein ganz persönliches Interesse. Ich war einfach neugierig, weil ich dachte, vielleicht finde ich über die Gespräche heraus, was ich selbst will. Das klingt, wenn man das so erzählt, immer komisch. Aber für mich war das tatsächlich das einzige Interesse: mit Menschen zu reden. Und dadurch habe ich so viele intime Beweggründe erfahren. Mir wurde immer wieder erzählt, dass irgendwann, meistens sehr früh, sie aufgehört haben das zu tun, was sie lieben. Und keiner weiß so richtig warum. Es waren ja nicht nur gescheiterte Existenzen mit denen ich mich unterhalten habe. Sondern auch sehr gestandene Menschen: Unternehmensvorstände, teilweise reiche Menschen und natürlich auch gescheiterte, wie Obdachlose oder Kriminelle. Und im Grunde waren die da alle gleich.

Und irgendwann kam die Idee, dass es doch eine Anlaufstelle geben müsste, wenn man sich so orientierungslos fühlt. Ich habe auch selbst danach gesucht und mich gewundert, dass es so etwas nicht gibt, wo man hingehen kann und sagen, "Ich möchte jetzt gerne mehr aus mir machen.". Und dann war einfach klar, dass wir das machen.

Haben Sie ihr eigenes Talent entdeckt?

Cordsmeier: Das frage ich mich tatsächlich auch. Das ist schon lustig. Ich habe mein eigenes Buch auch noch mal gelesen und dachte, "habe ich nicht gemacht". Stiftungsmanagement wollte ich auch nicht machen, deshalb strukturieren wir gerade um. Also ich habe jetzt tatsächlich selbst lange Zeit nicht das gemacht, was ich liebe, mit Menschen reden und ihnen helfen ihr Potenzial zu entfalten. Irgendwie muss mein Talent ja etwas mit Reden zu tun. Und das hat ja geklappt. Das muss ich also irgendwie können, aber verstehen tue ich das auch nicht. (er lacht)

Ist denn Selbstverwirklichung mit dem eigenen Potenzial realistisch?

Cordsmeier: Ich glaube schon. Es geht ja nicht darum den Job zu kündigen und ein komplett neues Leben anzufangen. Aber das man dem zumindest wieder einen Wert beimisst, was man eigentlich kann und was einen bewegt. Viele haben das Gefühl, wenn sie jetzt etwas Neues anfangen, dass sie etwas Altes aufgeben müssen. Und das stimmt ja gar nicht. Es ist ja gut einen Job zu machen, der einem wenigstens halbwegs gefällt und man damit Geld verdient. Ich finde es aber schön, wenn man parallel das andere nicht vergisst.

Wie soll es mit millionways in nächster Zeit weitergehen?

Cordsmeier: Wir sind gerade in einer Entwicklungsphase. Im Laufe dieses Jahres starten wir mit einem online-basierten Produkt, das jeder nutzen kann. Man kann sich in den Mitgliederbereich einloggen, wo man dann die Matchings zu passenden Menschen, Jobs oder Projekten findet, mit denen gemeinsam man etwas aufbauen kann.

Das wird zwar ein bisschen Geld kosten, allerdings für den Zweck, dass wir uns damit selbst finanzieren können. Die millionways Stiftung bleibt bestehen und verwaltet die über Mitgliedsbeiträge und Spenden eingenommen Gelder. Diese werden eingesetzt, um neue Methoden zu entwickeln, wie wir Menschen helfen können ihre unbewussten Motive aufzuspüren. Dafür arbeiten wir mit Universitäten und renommierten Fachleuten zusammen. In dem geplanten Beirat treffen Forscher aus der Soziologie, Medizin, Pädagogik, Psychologie und Wirtschaftspsychologie zusammen.

Zusätzliche konzipieren wir Sozialprojekte für Schulen oder arme Menschen, denen wir unsere Hilfe dann kostenlos anbieten können. Wir haben unsere Methoden in den letzten Jahren bereits an Schulen getestet und wissen daher, wie das funktioniert. Jetzt brauchen wir das Budget um auch diese Projekte fortzusetzen und auszubauen. Geplant ist die Arbeit mit allen möglichen Zielgruppen, mit Arbeitslosen, mit Behinderten… Jetzt laufen richtig viele Gespräche zur Zusammenarbeit mit den jeweiligen Vereinen und Verbänden, die diese Menschen betreuen.

Euer Ziel »2017 sprechen wir die Masse« an. Was wäre Ihre Vorstellung von einer Gesellschaft, in der die Menschen ihr Potenzial nutzen können?

Cordsmeier: In erster Linie geht es für mich, um das Bewusstsein und die Möglichkeit, etwas aus sich zu machen. Ich glaube, das Hauptproblem ist das innere Umdenken. Auch gerade wir Deutschen mit unserem Sicherheitsdenken. Es ist keine Utopie, jeder kann seine eigene Welt verändern. Aber es ist ein langer Weg zum inneren Umdenken. Das merken wir auch in den Gesprächen. Dann rufen wir die Leute uns an und trotzdem können sie es gar nicht annehmen, weil es so weit weg ist. Dann gehen sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit und machen so weiter wie bisher. Was sollen die machen?

Das möchten wir mit den unterschiedlichsten medialen Arten kommunizieren. Vorher war es ein Pilotprojekt, um Erfahrungen zu sammeln und die Methode zu testen. Jetzt soll millionways für die Masse tauglich werden. Genau dazu ist die Finanzierung über Mitgliedsbeiträge notwendig. Zuerst sprechen wir die 6.000 Menschen an, die schon länger dabei sind und bieten ihnen die Teilnahme an den Online-Tools für einen bestimmten Zeitraum kostenlos an. Dann werden wir daran arbeiten, dass millionways jetzt Schritt für Schritt bekannter wird.

Auch Interviews finden noch statt. Im Dialog, quasi von Mensch zu Mensch und im Großen soll die Idee dann die Öffentlichkeit erreichen. Das klar wird, im Grunde sollten wir Umdenken und jedem Menschen ein Talent zugestehen. Und ich glaube, das ist das, was erst einmal in die Köpfe muss. Und dann kommt man auch im Gespräch oder in Eigenreflektion schnell darauf, wenn man erst einmal verstanden hat, was wir denn damit meinen, was denn das Talent ist.

Wie wollen Sie die Menschen erreiche und ein Umdenken fördern?

Cordsmeier: Das geht aus meiner Sicht am besten über Geschichten. Authentizität, das ist es! Wo findet man noch Authentizität? Überall wird nur dargestellt, wie man angeblich ist oder wie man sein würde oder wie man sich selber sieht, aber nicht wie man eigentlich ist. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Geschichten echt sind. Und wenn man sieht, dass ein Obdachloser, den man auf der Straße anspricht, erzählt, "Ich weiß nicht, was ich machen soll und ich wollte mich schon fünfmal umbringen…" und ein Jahr später arbeitet er tatsächlich in einem Team mit, das Outdoor-Kleidung entwirft, sieht man, es ist möglich! Natürlich nicht bei jedem Obdachlosen, das ist mir klar.

Wenn sich das rumspricht, die Leute sich gegenseitig inspirieren und dann Erfolgsgeschichten sehen, dann kann ja keiner mehr sagen, dass das nicht geht. Auch die Deutschen nicht, mit ihrem riesigen Sicherheitsbedürfnis. Wenn ihnen fünf Bekannte erzählen, ich mache das auch, dann sind auch die Ängstlichen irgendwann dabei. Ich glaube, das ist mittel- oder langfristig für jeden möglich.

Und es gibt ja eben auch Millionen von Wegen, die überfordern uns ja auch oft, aber wenn man den einen gefunden hat, der sich für einen selbst gut anfühlt, dann ist es plötzlich ganz egal wie viele es noch gibt. Du musst eigentlich nur einen finden, der Rest kommt dann schon. Und das ist tatsächlich so. Wenn man einmal angefangen hat, dann kommt der Rest von ganz alleine. Das ist total spannend. Das können alle bestätigen, die das schon gemacht haben.

Mehr über die millionways Stiftung hier.

Hintergrund zu dem Interview

Seit 2016 ist die millionways Stiftung auch öffentlich aktiv. Und damit das Interesse an der Vernetzung stark gestiegen. Aufmerksam geworden bin ich auf die millionways Stiftung durch ihre Beilage in der Zeit im September 2016, das Magazin millionways - ein Magazin über Potentialismus, in dem unter anderem laufende Projekte und Akteure vorgestellt wurden. Auch ein Interview mit Gerald Hüther, Neurobiologe und Vorstandsmitglied der Akademie für Potentialentfaltung war zu lesen. Die Neugier war geweckt. Wie kann eine Stiftung die verborgenen und vergessenen Talente von Menschen aufdecken und ihnen helfen das eigene Potenzial nutzen?

Um mehr zu erfahren habe ich mich selbst bei der millionways Stiftung registriert und erst einmal ein grobes Konzept für ein eigenes Projektidee vorgestellt. Binnen weniger Tage hatte ich eine Antwort und einen Termin für mein Interview. Während des Telefon-Interviews rattern die Zahnrädchen. Das Gespräch regte dazu an über sich selbst und den eigenen Berufs- bzw. Lebensweg neu nachzudenken. Vielleicht eine eigene Idee zum ersten Mal auszusprechen oder zu überlegen, wie das durch Ausbildung erworbene Wissen, im Berufs- und Privatleben angeeignete Fähigkeiten und private Interessen sich verbinden lassen?