So meisterst Du als stiller Mensch die laute Arbeitswelt: Ein Erfolgsleitfaden für Introvertierte

Hast du manchmal das Gefühl, in einer lauten Arbeitswelt überhört zu werden? Als introvertierter Mensch kann es frustrierend sein, sich trotz harter Arbeit im Berufsleben nicht ausreichend gesehen zu fühlen. Dabei steckt gerade in deinem ruhigen Wesen ein unglaubliches Potenzial, welches du mit den richtigen Strategien zum Leuchten bringen kannst. In diesem Artikel gehen wir auf die typischen Herausforderungen ein, vor denen Introvertierte im Berufsleben stehen und wie du diese meisterst, ohne dich zu verstellen. Hierfür habe ich mich mit der Expertin Dr. Sylvia Löhken unterhalten.
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von Jana Hansl, 23. August 2023 um 07:40

Was ist Introversion?

Vielleicht kommen Dir Sätze wie diese bekannt vor: »Sei nicht so schüchtern!«, »Sag’ doch auch mal was!«, oder »Du musst mehr aus dir rauskommen«, falls ja - Willkommen im Club der Introvertierten, der Stillen und Leisen. Ich habe mich lange gefragt, »was mit mir nicht stimmt«, bis ich mein introvertiertes Wesen voll und ganz akzeptiert habe. 

Leider wird Introversion privat wie beruflich oft fehlinterpretiert: Unser ruhiges Gemüt wird etwa als schüchtern, desinteressiert, unmotiviert oder gar langweilig wahrgenommen. Introversion bedeutet jedoch nicht Schüchternheit oder Angst vor sozialen Kontakten. Es geht vielmehr darum, in welchem Umfeld und auf welche Art und Weise wir am besten unsere Akkus aufladen können. Extrovertierte schöpfen Energie aus sozialen Interaktionen und stimulierenden Umgebungen. Daher kann es für diese Menschen geradezu erholsam sein, sich nach einem anstrengenden Arbeitstag abends noch in einer vollen Bar inklusive Live-Musik mit mehreren Freund:innen zu treffen, um wieder runterzukommen. Wenn du gerade bereits beim Lesen so etwas gedacht hast, wie: »Was?! Das machen die, um runterzukommen?«, dann bist du mit hoher Wahrscheinlichkeit introvertiert. Wir schöpfen unsere Energie aus dem Alleinsein und der Ruhe. Wenn wir entspannen wollen, ziehen wir uns zurück. Ein Abend auf der Couch mit einem Buch oder ein Spaziergang alleine in der Natur lädt unsere Energiespeicher wieder auf. Aus sozialen Interaktionen schöpfen wir nur dann neue Kraft, wenn es sich um wenige Menschen handelt, die wir sehr gut kennen. Am besten sind 1:1-Treffen, die in einer ruhigen Umgebung stattfinden und bei denen wir über tiefgehende Dinge sprechen können. Ständig neue Bekanntschaften zu machen und Small-Talk laugt uns hingegen noch mehr aus. 

Intro- und Extraversion können als zwei entgegengesetzte Endpunkte einer Skala gesehen werden. Die einen tendieren eher zum introvertierten Ende, die anderen zum extravertierten Ende der Skala. Es gibt auch zentrovertierte Menschen, die eher in der Mitte liegen. Je introvertierter eine Person ist, desto mehr richtet sich deren Energie nach innen. 

Wenn du dir nicht sicher bist, in welchem Bereich der Skala du dich verorten kannst, kann ich dir diesen kostenlosen Online-Test dazu empfehlen.

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Ich bin introvertiert - was bedeutet das für das Berufsleben?

Die derzeitige (westliche) Arbeitswelt wird von der sogenannten »culture of personality« dominiert. Das bedeutet, dass es charismatischen, extravertierten Menschen leicht fällt, auf der Karriereleiter hochzuklettern. Dies steht im Gegensatz zur früheren »culture of character«, wo Loyalität, Werteorientierung und Ethik einen höheren Stellenwert hatten. Gleichzeitig erfreuen sich Großraumbüros, Open-Door-Policies, Teammeetings und Netzwerkveranstaltungen einer großen Beliebtheit und werden wenig hinterfragt. All diese Faktoren führen dazu, dass introvertierte Personen nicht ihre beste Leistung abliefern können. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Thema immer mehr unter den Gesichtspunkt Diversity fällt und Arbeitgeber ganz im Sinne von New Work und New Leadership Bedingungen schaffen, in denen alle Persönlichkeiten auf ihr höchstes Leistungsniveau kommen und sich wohl fühlen. Aber ein Großteil der Verantwortung liegt auch bei uns selbst. 

Es war daher schon lange mein großer Wunsch, anderen introvertierten Personen mit einer Art Leitfaden ein paar Tipps und Tricks für ein erfolgreiches Berufsleben an die Hand zu geben. Hierfür habe ich mich mit der Autorin und Expertin für Introversion, Dr. Sylvia Löhken unterhalten. Sie hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben und sich als Trainerin, Speakerin und Coach auf Introversion spezialisiert. Im Gespräch mit ihr wurde mir umso deutlicher: Es gibt jede Menge Dinge, die du bereits jetzt tun kannst, um dir in einer lauten Arbeitswelt auch als stille Person Gehör zu verschaffen und erfolgreich zu sein. 

Wie kann ich als introvertierte Person sichtbarer werden?

Sichtbarkeit bedeutet letztendlich Proaktivität. Verantwortung und Besonderheit. »Wenn ich einfach nur meinen Job mache, falle ich nicht besonders auf«, sagt Sylvia. »Einfach nur das fleißige Bienchen zu sein, bringt nichts.« Vielmehr gehe es darum, etwas Besonderes zu machen und sich proaktiv zu zeigen. Und dafür musst du dich nicht einmal ins Rampenlicht stellen. Sylvia rät dazu, dir regelmäßig folgende Fragen zu stellen:

  • Welche Projekte stehen demnächst in der Firma an? 
  • Was gibt es zu tun?
  • Was interessiert mich und was bringt mir einen Wissenszuwachs?
  • Wo sehe ich Probleme und was kann ich zur Lösung beitragen?
  • Was nehme ich wahr?

Dann wende dich in einem 1:1 Gespräch an deine:n Vorgesetzte:n und sage: »Ich sehe, xy steht in nächster Zeit an. Daran habe ich Interesse. Das möchte ich gerne machen.« oder: »Ich sehe, mit dem Bereich xy klappt es momentan nicht so gut. Hier sind meine Lösungsvorschläge.« Zeige also, dass du dir über das normale Tagesgeschäft hinaus Gedanken machst. 

Sylvia betont, dass die innere Haltung (bzw. »die Story«, die du dir und anderen erzählst - darauf gehe ich weiter unten noch detaillierter ein), eine enorm wichtige Rolle spielt. Falle nicht in die Rolle eines »Opfers«, das untergeht, unter all den »lauteren« Kolleg:innen. Es kann sehr hilfreich sein, stattdessen Verantwortung zu übernehmen und deinen Job als Möglichkeit zu sehen, dir coole Projekte und Tätigkeiten rauszusuchen, an denen du gerne arbeiten möchtest. Damit wirst du automatisch sichtbarer. 

Außerdem empfiehlt Sylvia: »Erschaffe Empfehlungsnetzwerke«. Das kannst du z.B. machen, indem du dich mit einzelnen Kolleg:innen 1:1 triffst und sie über ihre Projekte erzählen lässt. Zeige dein Interesse an Projekten und auch an Personen, denen du gerne vorgestellt werden würdest. Sprich gut über andere Personen und sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gut über dich sprechen - denn, so Sylvia: »Sichtbarkeit bedeutet auch: Menschen kennen mich.« Das heißt, deine Präferenz, Menschen lieber 1:1 zu treffen, anstatt in großen Gruppen, macht sich hier bezahlt. Bei solchen Gesprächen lernst du die entsprechenden Personen nämlich viel besser kennen als bei einer größeren Veranstaltung. Und sie dich natürlich auch. 

»Der Knackpunkt bei der Sichtbarkeit ist Verantwortung«, sagt Sylvia. Und das spielt dir sogar in die Hände, wenn du introvertiert bist. Denn Introvertierte sind von Natur aus oftmals extrem gewissenhaft und zuverlässig. Verantwortung bedeutet, so Sylvia, aber auch: »Warte nicht, bis jemand etwas sagt oder dir im Meeting das Wort erteilt. Sortiere dein Portfolio. Suche dir coole Projekte aus.« Sie betont: »Und stehe mit deiner Arbeit auch vor dem Leitungsgremium gerade. Überlasse nicht anderen das Präsentieren der Ergebnisse, wenn du dafür verantwortlich bist.« Gerade wir Intros neigen nämlich dazu, das Präsentieren lieber anderen zu überlassen, weil wir uns nicht damit wohl fühlen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Der Nachteil: Die Ergebnisse werden immer mit der Person assoziiert, die sie präsentiert - auch wenn alle wissen, dass deine Arbeit dahintersteckt. Trau’ dich also und lerne, deine Präsentationsfähigkeiten zu verbessern. »Präsentieren ist ein Handwerk, das kann man lernen«, so Sylvia. 

Story, Raum und Sprache

Laut Sylvia läuft alles im Prinzip immer wieder auf drei ganz bestimmte Fragen zurück: 

  • Was ist deine Story?
  • Wie viel Raum gibst du dir und anderen?
  • Welche Sprache verwendest du?

Sehen wir uns das einmal in Ruhe nacheinander an.

Die Story

»Wir handeln unbewusst immer nach der Story, die wir uns selbst erzählen«, sagt Sylvia. Fragen, die sie ihren Coachees daher häufig stellt, sind: »Wie genau sieht denn deine Story aus? Was bringt dich zu dieser Story? Und Gibt es auch andere Aspekte der Story, die du gerade nicht ausleuchtest? « 

Ein Beispiel: Ein introvertierter Angestellter ist frustriert mit seiner Vorgesetzten. Während er von ihr erzählt, fallen Beschreibungen wie »Heißluftgerät«, »viel Lärm um nichts«, »mehr Schein als Sein«. In dieser Story fehlt jedoch die Perspektive der Chefin komplett. Hier würde Sylvia den Klienten fragen, warum sich seine Chefin wohl so verhält. Hat sie vielleicht selbst Angst, entlassen zu werden? Vielleicht gibt es Probleme zuhause? Es ist wichtig, dass wir uns diese Fragen stellen und die Perspektive der anderen Person einbeziehen, denn »dann entwickelst du Mitgefühl und gehst anders mit den Menschen um. Die Story ist nicht vollständig, wenn ich immer nur bei mir bleibe«, sagt Sylvia. Sie fügt hinzu: »Extravertierte haben auch ihre Probleme.«

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Dir und anderen Raum geben

»Ich kann anderen nur den Raum geben, den ich mir selbst gebe«, sagt Sylvia. Aber was genau bedeutet das eigentlich, mir und anderen Raum zu geben?

Sylvia empfiehlt dazu, für folgende Fragen die Verantwortung zu übernehmen:

  • Wie sorge ich für mich?
  • Wie schütze ich mich vor Überstimulation?
  • Wie sorge ich für Ruhe beim Arbeiten?
  • Wie netzwerke ich auf meine Art und Weise?

Damit gibst du dir selbst den Raum, den du brauchst, um dich wohl bei der Arbeit zu fühlen und sie erfolgreich ausführen zu können. Wenn du deinen eigenen Raum bewusst so gestaltest, dass es dir gut geht, dann kannst du »anderen gegenüber viel großzügiger sein und ihnen ihren Raum lassen.«

Sehen wir uns ein paar konkrete Beispiele aus dem Berufsleben an, wie du dir selbst Raum geben kannst:

 

Großraumbüro

Wenn du introvertiert bist und schon mal in einem Großraumbüro oder gar »Open Floor Office« gearbeitet hast, muss ich dir nicht viel dazu sagen ;) Kontinuierliche Hintergrundgeräusche, ständige Unterbrechungen, keinen Raum und keine Ruhe für dich und deine Gedanken. In einem solchen hoch stimulierenden Umfeld können wir Intros niemals das leisten, wozu wir eigentlich fähig sind. Sollte das derzeit auf dich zutreffen, empfehle ich dir, Noise Cancelling Kopfhörer zu verwenden. Es gibt Modelle, bei denen du diese Funktion auch ohne Musik nutzen kannst. Das kann dir helfen, zumindest die auditiven Reize zu verringern und in Stille zu arbeiten. Dennoch ist es für Introvertierte besser, ein eigenes Büro zu haben. Frage deine:n Vorgesetzte:n, ob es möglich ist, in einem ruhigen Raum oder von zuhause aus zu arbeiten. Du kannst auch erst einmal Kompromisse anbieten, wie z.B. Home Office auf Probezeit oder nur ein paar Tage die Woche. Dein:e Chef:in wird bald merken, dass deine Ergebnisse deutlich besser sind, wenn du in einem Umfeld arbeitest, in dem du dich besser konzentrieren kannst. 

 

Meetings 

Hast du manchmal das Gefühl, in Teammeetings deine Ideen nicht artikulieren zu können? Damit meine ich: Du reflektierst das, was eine bestimmte Person gesagt hat, machst dir Gedanken dazu, elaborierst innerlich deine Ideen - aber inzwischen redet schon wieder eine andere Person, und zwar bereits über das nächste Thema?

Bevor ich mich mit Introversion beschäftigt habe, dachte ich immer, dass ich einfach »zu langsam« denke. Manchmal ärgerte ich mich darüber, dass mir die besten Einfälle erst nach dem Meeting kamen. Wir leisen Menschen brauchen tatsächlich mehr Zeit, um unsere Gedanken zu strukturieren. Das ist jedoch kein Defizit, sondern eine enorm wichtige Ergänzung zu unseren extrovertierten Kolleg:innen. Denn dadurch, dass wir lange und intensiv nachdenken, fallen uns oft Details auf, die andere leicht übersehen. Verschaffe dir also Zeit, indem du dich, soweit es dir möglich ist, auf Teammeetings vorbereitest. Frage die Ansprechperson, sobald du von dem Termin erfährst, worum es genau geht und wie du dich vorbereiten kannst. Was wird erwartet und was ist das Ziel des Meetings? Geht es um eine Entscheidung, Lösungsfindung oder Ideensammlung? Dann ordne all deine Einfälle dazu bereits schriftlich und trau’ dich im Meeting, deine Ideen vorzustellen. Wenn du große Schwierigkeiten hast, von dir aus in einer Gruppe das Wort zu ergreifen, schicke dem/der Vorgesetzten vor dem Meeting bereits deine Gedanken dazu. 

Manchmal ist eine Vorbereitung nicht möglich und selbst wenn wir uns gut vorbereiten, kann es passieren, dass uns die besten Ideen erst danach kommen. In diesem Fall kannst du eine Follow-Up-E-Mail an die vorgesetzte Person senden, wie zum Beispiel: »Liebe*r …, im Nachgang zum Meeting am … habe ich mir nochmals Gedanken gemacht und schlage folgende Ideen/Lösungen vor…« Das zeigt, dass du bei der Sache warst, mitgedacht hast und proaktiv die Initiative ergreifst, dich einzubringen – und du gibst dir und deinen Ideen Raum. 

 

Anrufe und Entscheidungen

Warum haben viele von uns Intros eine Abneigung gegenüber unangekündigten Anrufen? Ich glaube, das liegt zum einen daran, dass wir nie gerne unvorbereitet sind. Zum anderen bedeuten unerwartete Anrufe oft auch: Ad-hoc Entscheidungen. Und das mögen viele von uns gar nicht. Wir treffen Entscheidungen am besten, wenn wir eine Weile in Ruhe und alleine darüber nachdenken können. Daher bevorzugen viele Intros den E-Mail-Kontakt. Jemand stellt uns eine Frage in Schriftform und wir können darüber nachdenken und in Ruhe antworten, wenn wir wissen, was wir sagen wollen. Außerdem fällt es vielen von uns leichter, sich schriftlich auszudrücken. Wenn allerdings jemand direkt am Telefon eine Antwort oder Entscheidung von uns haben möchte, kann uns das überfordern. Manchmal gehen wir auch einfach davon aus, dass die Person direkt eine Antwort von uns braucht (obwohl das vielleicht gar nicht der Fall ist) und setzen uns damit selbst unter Druck – sind wir mal ehrlich: Es gibt wenige Dinge, die nicht ein paar Minuten/Stunden warten können. Vor allem dann, wenn es sich um wichtige Entscheidungen handelt. Mit diesen Sätzen kannst du dir in solchen Fällen Raum (bzw. in diesem Fall: Zeit) geben:

»Lass mich einen Moment darüber nachdenken. Ich rufe Dich dann zurück / schreibe Dir eine E-Mail.«

»Ich kann gerade nicht in Ruhe sprechen. Könnten Sie mir bitte in einer E-Mail Ihr Anliegen beschreiben?«

»Das klingt interessant. Lass uns diese Woche einen festen Termin ausmachen und in Ruhe darüber sprechen.«

Denk daran: Du hast immer die Macht, dir Zeit zu verschaffen, um dich auf eine Entscheidung oder ein Gespräch vorzubereiten. Und noch ein kleiner Geheimtipp: Oprah Winfrey hat einmal gesagt: »Just because the phone is ringing doesn’t mean I have to respond.« Das kommt natürlich stark auf den Kontext und die anrufende Person an. Es kann jedoch eine große Hilfe sein, nicht direkt hinzugehen, wenn dich der Gedanke an ein unangekündigtes Telefonat mit der jeweiligen Person stresst. Es ist okay, erstmal tief durchzuatmen, dir 5 Minuten Zeit für eine kleine Ausrichtung zu geben (wie möchte ich im Kontakt mit dieser Person sein?) und dann mit einer entspannteren Energie zurückzurufen.

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Sprache: Raum geben, Grenzen ziehen, Nein sagen

Die Sprache, die wir verwenden, so Sylvia, gibt ganz viel Aufschluss über den Raum, den wir uns geben. 

»In unserem Gespräch hast du bis jetzt genau 27 mal ein bisschen gesagt«, spiegelt sie mir nach etwa 20 Minuten. Sie hat eine Strichliste geführt. »Damit nimmst du dir selbst ganz viel Raum weg«, sagt sie. 

»Ein bisschen« ist jedoch nicht der einzige Ausdruck, auf den ich ab jetzt sehr bewusst achte. Sylvia listet in ihrem Buch Leise Menschen – Starke Worte weitere Weichmacher auf, die unseren Raum entweder begrenzen, wie z.B. »irgendwie«, »ähm«, »also«, oder »okay«. Sie schreibt dort: »Weichmacher erwecken den Eindruck, dass ich nicht genau weiß, was ich sagen will« und rät: »Wann immer ich einen Weichmacher verwenden will, mache ich eine Pause. Das gibt meinen Worten mehr Gewicht und ich bekomme mehr Respekt.« (aus Sylvias Leise Menschen – Starke Worte 2022, S. 66).

Mit »Man muss…«, »Du musst…«, »Wir müssen…«, schränken wir nicht nur unseren, sondern auch den Raum unseres Gegenübers ein. Das kommt nicht gut an, besonders nicht bei sehr autonomen Menschen. Personen, die auf diese Art und Weise andere in ihrem Raum einschränken, sagen meistens auch von sich »Ich muss…« und geben sich damit selbst sehr wenig Raum. Was sind Alternativen? 

»Statt Ich muss jetzt zu meinem nächsten Termin könntest du z.B. sagen: Es ist jetzt Zeit für meinen nächsten Termin«, so Sylvia.  

Wenn du introvertiert bist, ist Grenzen ziehen vermutlich ein Thema für dich. Erstens, weil du Bedürfnisse nach Rückzug hast, die du selbst erfüllen darfst, da das niemand anders für dich tun wird, und zweitens, weil viele Intros den Konflikt scheuen und daher oft ja zu Dingen sagen, die sie eigentlich nicht wollen. Daher ist es wichtig, dass du dir folgenden Satz sehr gut merkst:

»Nein.«

Ganz genau, dabei handelt es sich bereits um einen vollständigen Satz. 🙂

Wenn dir das zu wenig ist, empfehle ich Sylvias Strategie, das Nein-Sagen in drei Teilen. Nehmen wir an, du hast schöne Pläne für das Wochenende gemacht, freust dich so richtig und Freitag meldet sich nachmittags deine Vorgesetzte mit einem Anliegen: Ein wichtiger Auftrag muss bis Montag erledigt werden - ob du dich bitte darum kümmern kannst?

In diesem Fall kann das Nein-Sagen in drei Teilen so aussehen:

Erster Teil: Brücke bauen - mache dem Gegenüber auf emotionaler Ebene deutlich, dass du verstehst worum es ihm/ihr geht. In diesem Fall könntest du zum Beispiel sagen: »Oh, ich verstehe, das ist ja wirklich super dringend.«

Zweiter Teil: Nein sagen - ohne Begründung und ohne dich zu rechtfertigen. In unserem Beispiel ist es also komplett ausreichend, zu sagen: »Bei mir geht es dieses Wochenende nicht.«

Dritter Teil: Der Person zeigen, dass sie nicht alleine ist: »Wie können wir das sonst noch lösen?« / »Lass uns mal überlegen, wie wir eine andere Lösung finden.«

»Es geht darum, sich den eigenen Raum zu sichern und gleichzeitig der anderen Person zu zeigen, dass wir sie mit ihrem Anliegen nicht alleine lassen«, so Sylvia.

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Any advice für das Bewerbungsgespräch, Sylvia?

Das Vorstellungsgespräch stellt für viele Introvertierte eine besondere Herausforderung dar. Da die meisten von uns nicht so gerne über sich selbst sprechen, können wir mit der Aufforderung »Erzählen Sie doch mal über sich« wenig anfangen. Sylvia meint: »Viele Introvertierte beten hier minutiös die eigenen Qualifikationen und Erfahrungen runter. Aber das langweilt die Personaler:innen. Die haben das alles schon schriftlich vorliegen.« Stattdessen solle man sich in die Perspektive des potenziellen Arbeitgebers hineinversetzen und die eigene Antwort dementsprechend gestalten: »Ich würde ihnen gern drei Fähigkeiten/Kenntnisse/Stärken vorstellen, die ich mitbringe und die sich perfekt für die ausgeschriebene Stelle eignen«, könntest du zum Beispiel sagen. Bereite dich darauf vor und versetze dich in die Lage der anderen - zwei Dinge, die dir als introvertierte:r übrigens in die Wiege gelegt wurden: Das Bedürfnis, gut vorbereitet zu sein und Empathie. Denke daran, dir immer wieder die Frage zu stellen: Was kann genau ich für diesen Arbeitgeber tun und warum? Welche meiner individuellen Stärken passen zu dieser Position?

Wusstest du, dass Introversion mit richtig vielen natürlichen Talenten einhergeht, die für Unternehmen und Organisationen extrem wertvoll sind? Erfahre hier, warum Introvertierte die hidden Superpower eines jeden Unternehmens sind.

Sylvia empfiehlt, dir auch bewusst zu machen, welche Story du dir über das Vorstellungsgespräch erzählst. Glaubst du, es wäre eine Art Prüfung? Die Story kann stattdessen sein: Wir treffen uns und schauen, ob wir zueinander passen. Oder: Ich löse Probleme und bin eine Bereicherung für die Firma. 

Netzwerkveranstaltungen

Auch hier macht die Story in unserem Kopf einen Unterschied. Wir können uns z.B. darüber aufregen, dass wir, als »arme:r Intro« auf eine Veranstaltung mit so vielen fremden Menschen gar keine Chance haben, richtig zu netzwerken, weil wir nicht wir selbst sein können. Oder, wir können uns sagen: »Okay, ich suche mir im Vorfeld genau 1-2 Personen aus, mit denen ich sprechen möchte, überlege mir vorher schon gute Fragen und setze mir das Ziel, auf dieser Veranstaltung zumindest mit einer spannenden Person einen längerfristigen Kontakt herzustellen.« Vor Ort empfiehlt Sylvia, sich einen Anker an der Person zu suchen, um ein Gespräch zu beginnen, wie zum Beispiel: »Oh, wo haben Sie denn diese schöne Kette her? Die hat sicher eine Geschichte!«. »Suche dir etwas, das du an der anderen Person interessant findest«, so Sylvia. Belangloser Smalltalk über das Wetter – ausgeschlossen. Wie cool ist das? Mit dieser Einstellung wirst du sicher keine oberflächlichen Gespräche mit zig Menschen führen und dich danach erschöpft fühlen. Bereite dich vor, setze dir ein Ziel, sei mit der einen Person, mit der du sprichst, voll präsent und bringe du die Tiefe in die Gespräche, die du dir wünschst. Mach die anderen nicht dafür verantwortlich.

Stehe zu der Person, die du bist

Das gilt natürlich nicht nur für Netzwerkveranstaltungen, sondern generell. Es ist wichtig, dass du dich – auch wenn dir das manchmal so vorkommt – nicht als übersehenes Opfer in einer lauten und extravertierten Arbeitswelt siehst. Vielmehr möchte ich dich dazu motivieren, dein introvertiertes Wesen mit all sein Facetten vollständig zu »ownen« und deine ganz individuellen Stärken auszuspielen. Nein, du musst nicht extravertierter werden, um erfolgreich zu sein. Stattdessen frage dich immer wieder:

  • Welche Story erzähle ich mir gerade? Gibt es eine Perspektive, die ich momentan (noch) nicht sehe?
  • Wie viel Raum nehme ich mir? Wie viel Raum gebe ich anderen? Interessanterweise können wir anderen umso mehr Raum geben, je klarer wir unsere eigenen Grenzen ziehen.
  • Inwieweit stehe ich zu mir und meinen Stärken, anstatt extravertiertes Verhalten nachzuahmen?

Eine bestimmte Frage lässt mich das ganze Interview lang einfach nicht los. »Aber wie finde ich denn die richtige Balance?«, frage ich Sylvia? »Wo ist der Sweet Spot zwischen gesunder Selbstfürsorge inklusive Grenzen setzen und ab und zu auch mal die eigene Intro-Komfortzone verlassen?«

Sylvia lacht herzlich. »Deine Komfortzone? Warum willst du die denn verlassen? Da entsteht sofort Widerstand. Ich verlasse meine Komfortzone nicht. Ich nehme sie immer mit. Wie eine Schnecke ihr Haus.«

Also: Hinterfrage deine Story, Gib dir und anderen Raum, stehe zu deinem introvertierten Wesen, nimm deine Komfortzone mit - und dein (Berufs)leben wird sich positiv verändern!

Stehst du kurz vor einem Assessment Center und hast keine Ahnung, wie du das als introvertierte Person schaffen sollst? Lies hier, wie du das AC erfolgreich meisterst, ohne dich zu verstellen.

Und falls du dich schon immer gefragt hast, ob es bestimmte Berufe gibt, die besonders für Introvertierte geeignet sind, erfahre in einem meiner weiteren Artikel, wie du deine stille Power am besten entfalten kannst. Sylvia und ich haben außerdem bereits im NachhaltigeJobs Podcast über Intro- und Extraversion im Berufsleben gesprochen.

Dr. Sylvia Löhken, Foto: Schafgans DGPh
Über unsere Expertin

Dr. Sylvia Löhken hat sich darauf spezialisiert, wie Introvertierte und Extrovertierte auf ihre eigene Weise führen und zusammenarbeiten können. Führungskräfte und Teams können das Wissen um diesen Unterschied nutzen, um die Zusammenarbeit zu verbessern, erfolgreicher zu sein und ihre Lebensqualität zu steigern. Seit Jahren begleitet sie sowohl introvertierte als auch extrovertierte Menschen auf ihrem Weg zu mehr persönlichem Erfolg: mit Keynotes und Büchern, Coachings und Trainings.

 

 

Die Buchtitel ihrer »leisen Trilogie« lauten:

Leise Menschen – starke Wirkung. Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden

Intros und Extros. Wie sie miteinander umgehen und voneinander profitieren

Leise Menschen – gutes Leben. Das Entwicklungsbuch für introvertierte Persönlichkeiten.

Möchtest du mehr über Sylvia und ihre Arbeit sowie über ihre Bücher erfahren? Hier geht es zu Sylvias Webseite.

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