Nagori-Zustand: Was wir aus einem japanischen Wort über Kündigung, Übergänge und berufliche Neuanfänge lernen können

Gekündigt. Der Schreibtisch ist leer, das Postfach übergeben – und trotzdem fühlt sich nichts wirklich abgeschlossen an. Der alte Job klingt nach, während der neue noch nicht begonnen hat. Genau für diesen Zustand im “Dazwischen” gibt es im Japanischen ein Wort: Nagori. Was, wenn dieser Zustand kein Makel im Lebenslauf ist, sondern ein notwendiger Übergangsraum? Was, wenn Leerlauf produktiv sein kann – und berufliche Resilienz genau hier entsteht? In diesem Artikel erfährst du, wie du den Nagori-Zustand verstehen, emotional einordnen und konstruktiv nutzen kannst – als bewussten Schritt in deine Zukunft.

von Charlotte Clarke, 19. Februar 2026 um 15:02
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Es gibt Momente im Leben, die sich weder wie Anfang noch wie Ende anfühlen. Der Arbeitsvertrag ist ausgelaufen, die Kündigung ausgesprochen oder das Unternehmen hat Stellen abgebaut. Und doch ist der neue Job noch nicht da. Wir hängen emotional (und oft auch finanziell) mehr oder weniger orientierungslos irgendwo “dazwischen”. Das fühlt sich für viele Menschen sehr unangenehm an.

Für diesen Zustand gibt es im Japanischen ein Wort: Nagori.

Was bedeutet „Nagori“ – und woher stammt der Begriff?

“Nagori” stammt aus dem Japanischen und lässt sich nur schwer eins zu eins übersetzen. Ursprünglich bezeichnete es die „Spuren“ oder „Reste“ einer vergangenen Jahreszeit – etwa die letzten Kirschen im Spätsommer oder das Gefühl von Winter, das noch in der Luft liegt, obwohl der Frühling begonnen hat.

Kulturell ist der Begriff tief in der japanischen Ästhetik verwurzelt, die Übergänge, Vergänglichkeit und saisonale Rhythmen bewusst wahrnimmt und wertschätzt. In der traditionellen Küche etwa werden „Nagori-Zutaten“ geschätzt: Lebensmittel, die am Ende ihrer Saison stehen. Denk mal an die letzten, prall-roten Erdbeeren im Spätsommer. Sie tragen eine besondere Intensität, weil man weiß, dass sie bald verschwinden.

Nagori beschreibt also keine klare Aktion, sondern ein Nachklingen. Ein Zustand des Dazwischen. Etwas ist vorbei – und wirkt doch noch nach.

Übertragen auf berufliche Situationen kann der Nagori-Zustand zum Beispiel in der Phase nach einer Kündigung auftreten, in der die alte Rolle emotional noch präsent ist, während die neue noch nicht existiert.

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Kündigung als Übergangsphase – psychologisch betrachtet

Eine Kündigung ist nicht nur ein formeller Abschluss, sondern häufig ein Identitätsbruch. Arbeit strukturiert Zeit und ist eine wichtige Säule für Zugehörigkeit, Status, soziale Beziehungen und Selbstwert. Sie definiert maßgeblich mit, wofür wir morgens aufstehen und wie wir unsere Identität definieren. Fällt sie weg, kann gefühlt ein Vakuum entstehen.

Die Übergangsforschung beschreibt solche Phasen als „Liminalität“ – ein Begriff, der auf den Anthropologen Victor Turner zurückgeht. Liminale Phasen sind Schwellenzustände: Man gehört nicht mehr zum Alten, aber noch nicht zum Neuen. Sie sind instabil, unsicher – aber auch transformativ.

Psychologisch lässt sich diese Phase unter anderem mit dem Modell der Übergänge von William Bridges erklären. Bridges unterscheidet drei Phasen:

  1. Ende: Abschied von der alten Rolle
  2. Neutrale Zone: Unsichere Zwischenphase
  3. Neuanfang: Integration einer neuen Identität

Der Nagori-Zustand entspricht dieser „Neutralen Zone“. Sie fühlt sich oft äußerst unerquicklich an – ist aber entscheidend für unsere Entwicklung.

Nagori und Abschiedskultur im Berufsleben

In vielen Unternehmen werden Abschiede mehr oder weniger funktional behandelt: Übergabe, letzter Arbeitstag, LinkedIn-Post. Was häufig fehlt, sind Abschiedsrituale, die uns auch bei der emotionalen Loslösung und dem Übergang in die neue Phase unterstützen. Gerade bei Kündigungen durch Arbeitgeber entsteht oft ein Bruch ohne adäquate Würdigung unserer Leistungen, aber auch der menschlichen Leerstelle, die wir im Team hinterlassen.

Eine bewusste Abschiedskultur kann helfen, den Nagori-Zustand konstruktiv zu gestalten. 

Dinge, die du für dich selbst tun kannst:

  • Persönlicher Rückblick: Reflektiere, was du in der Rolle gelernt, erlebt und erreicht hast. Notiere besondere Momente, Erfolge und Anekdoten – das stärkt das Gefühl von Kontinuität und Wertschätzung für deine eigene Leistung.

  • Ritualisierte Abschlusshandlungen: Kreiere ein kleines, bewusstes Ritual für den eigenen Abschied. Das kann ein „Brief an das alte Ich“ sein, ein bewusster Spaziergang am letzten Arbeitstag oder das Zusammenstellen von Erinnerungsstücken aus dem Büro. Solche Handlungen helfen, den Übergang bewusst wahrzunehmen und einen “emotionalen Ankerpunkt” zu setzen.

  • Emotionale Entlastung zulassen: Erkenne und akzeptiere die ambivalenten Gefühle: Trauer, Erleichterung, Angst oder Scham. Alles kann und darf gleichzeitig in dir vorgehen. Aktivitäten wie Tagebuch schreiben, Meditation, aber auch externe Unterstützung wie Coaching, Therapie oder Gespräche mit vertrauten Personen können helfen, den Nagori-Zustand zu verarbeiten, ohne dass er lähmt.

Abschiedsrituale mit Kolleg:innen:

  • Abschiedsrunde im Team: Eine moderierte Runde, in der jede:r Kolleg:in eine Erinnerung, einen Dank oder einen Wunsch für die Zukunft teilt. Diese gemeinsame Reflexion schafft Nähe, würdigt die geleistete Arbeit und macht den Abschied greifbarer.

  • Erinnerungsbox oder -buch: Kolleg:innen füllen eine Box oder ein Buch mit Notizen, kleinen Geschichten, Fotos oder persönlichen Botschaften. Dieses Ritual dokumentiert die gemeinsame Zeit und dient als greifbare Erinnerung für beide Seiten.

  • Ritual des „Weitergebens“: Jede:r Beteiligte teilt etwas, das er/sie von der Zusammenarbeit gelernt hat, oder eine besondere Anekdote. Gleichzeitig gibt man symbolisch etwas an den/die ausscheidende Kolleg:in weiter (z.B. einen kleinen Gegenstand, eine Botschaft oder ein Symbol der gemeinsamen Zeit.) Das Ritual macht sichtbar, dass Wissen, Erfahrungen und Wertschätzung weitergetragen werden.

Solche Rituale haben nichts mit Esoterik zu tun, sondern unterstützen nachweislich Trauerprozesse und Identitätsanpassung.

Die Rolle von Scham und Statusverlust

Nach einer Kündigung mischt sich zum Abschied oft Scham. Auch wenn wirtschaftliche Gründe oder strukturelle Veränderungen die Ursache sind, fühlt sich die Kündigung für viele Betroffene im schlimmsten Falle nach persönlichem Scheitern an.

Die Sozialpsychologie zeigt, dass Erwerbsarbeit stark mit sozialem Status verknüpft ist. Fällt sie weg, entsteht nicht nur ein Einkommensverlust, sondern darüber hinaus ein Verlust von sozialer Anerkennung. Besonders im Nachhaltigkeitssektor, in dem Arbeit häufig stark mit Sinn und Identität verbunden ist, kann dieser Bruch tief gehen.

Hier hilft eine Neubewertung: Eine Kündigung passiert – unabhängig von deiner Leistung – oft aus rein wirtschaftlichen oder sonstigen externen Gründen. Sie bedeutet nicht, dass du persönlich versagt hast. Es ist ein Ereignis im Kontext eines Unternehmens, nicht ein Urteil über dich als Person.

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Berufliche Jahreszeiten: Ein nachhaltiges Denkmodell

Im Nachhaltigkeitsdiskurs ist zyklisches Denken zentral. Natur kennt keine lineare Aufwärtskurve. Es gibt Wachstum, Reife, Verfall und Ruhe.

Überträgt man dieses Denken auf Erwerbsbiografien, entstehen „berufliche Jahreszeiten“:

  • Frühling: Orientierung, Neuanfang
  • Sommer: Wachstum, Leistung, Stabilität
  • Herbst: Konsolidierung, Reflexion
  • Winter: Rückzug, Neuorientierung

Der Nagori-Zustand ist mit dem Spät-Herbst oder Winter vergleichbar. In einer wachstumsfixierten Arbeitskultur gilt er schnell als Defizit. Doch aus nachhaltiger Perspektive ist er Teil eines natürlichen Zyklus.

Diese Sichtweise entlastet: Nicht jede Phase muss produktiv im marktwirtschaftlichen Sinne sein. Temporärer Rückzug und bewusste Reflexion des Vergangenen bilden oftmals sogar den dringend notwendigen Nährboden, um neue Kraft zu schöpfen und eine klare Ausrichtung zu finden für die kommenden Schritte.

Warum Leerlauf produktiv sein kann

Zwischen zwei Jobs entsteht Leerlauf. Viele erleben diese Zeit als Stillstand oder sogar als Bedrohung. Doch psychologische Forschung zu Kreativität und Problemlösung zeigt, dass sogenannte Inkubationsphasen wichtig sind: Abstand ermöglicht neue Perspektiven.

In der Positiven Psychologie wird zudem der Begriff der „posttraumatischen Reifung“ diskutiert: Belastende Ereignisse können – unter bestimmten Bedingungen – zu persönlichem Wachstum führen.

In einem weiteren Artikel haben wir uns bereits ausführlich mit der produktiven Kraft des Dazwischen beschäftigt: Die Zeit zwischen zwei Jobs ist keine “Lücke”. Sie ist ein Möglichkeitsraum.

Übergänge als Kompetenz: Career Resilience

In einer idealisierten Arbeitsbiografie verläuft alles geradlinig: Ausbildung, Einstieg, Aufstieg, Stabilität. Kündigungen oder längere Suchphasen wirken darin wie Störungen. Doch diese Vorstellung passt immer weniger zur Realität. Der Arbeitsmarkt, insbesondere im Nachhaltigkeitsbereich, ist dynamisch. Förderstrukturen ändern sich, Organisationen wachsen oder schrumpfen, politische Rahmenbedingungen verschieben sich.

Hier gewinnt ein Konzept an Bedeutung: Career Resilience. Es beschreibt die Fähigkeit, berufliche Veränderungen zu bewältigen, sich neu auszurichten und Identität flexibel anzupassen. Resilienz bedeutet dabei keineswegs Härte oder emotionale Taubheit. Sie meint vielmehr psychische Elastizität: die Fähigkeit, Belastung zu verarbeiten und sich neu auszurichten.

Zudem ist sie kein angeborenes Talent, sondern eine trainierbare Kompetenz. Studien zur Resilienzforschung (unter anderem von Ann Masten) zeigen, dass sog. Schutzfaktoren wie soziale Unterstützung, Selbstwirksamkeit und Sinnorientierung entscheidend sind.

Der Nagori-Zustand kann – so paradox es klingt – ein Trainingsfeld für genau diese Kompetenz sein. Denn Resilienz entsteht nicht in stabilen Phasen, sondern in Übergängen. 

Übertragen auf die Jobsuche nach einer Kündigung bedeutet Career Resilience drei Dinge:

1. Identität flexibilisieren, ohne sich aufzugeben

Viele Menschen definieren sich stark über ihre Rolle: „Ich bin Projektleiterin“, „Ich arbeite im Klimaschutz“, „Ich bin Führungskraft“. Fällt die Rolle weg, entsteht eine Identitätslücke.

Resiliente Personen schaffen es, ihre Identität breiter zu denken. Nicht: „Ich bin meinen Job los“, sondern: „Ich bin jemand mit Kompetenzen, Erfahrungen und Werten – und diese können in unterschiedlichen Kontexten wirksam werden.“

In der Psychologie spricht man von „Reframing“ – einer bewussten Perspektivverschiebung. Sie verändert nicht die Fakten, verschiebt jedoch deinen Fokus auf deine Handlungsspielräume.

2. Unsicherheit aushalten können

Der Nagori-Zustand ist unplanbar. Bewerbungen bleiben unbeantwortet, Prozesse ziehen sich, Absagen kommen unerwartet. Diese Phase fordert Ambiguitätstoleranz – also die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit und Unsicherheit auszuhalten, ohne vorschnell zu reagieren.

Menschen mit hoher Career Resilience neigen weniger zu panischen Impulsentscheidungen („Ich nehme jetzt irgendetwas“) und mehr zu reflektierten Übergängen. Sie halten die Spannung zwischen Druck und Geduld aus.

Das ist besonders im Nachhaltigkeitsbereich relevant: Wer aus Sinnorientierung arbeitet, möchte oft nicht „irgendeinen“ Job, sondern eine Tätigkeit, die mit den eigenen Werten vereinbar ist. Resilienz hilft, diesen Anspruch zu halten, ohne daran zu zerbrechen.

3. Sinn als stabilisierenden Faktor nutzen

Studien zur Resilienz zeigen, dass Sinnorientierung ein zentraler Schutzfaktor ist. Wer einen übergeordneten Zweck empfindet, kann Rückschläge eher integrieren.

Gerade für Menschen im Nachhaltigkeitssektor ist das ambivalent: Der Beruf ist häufig stark mit persönlicher Mission verbunden. Fällt die Stelle weg, kann sich das wie ein Sinnverlust anfühlen.

Hier lohnt eine Differenzierung: Der Arbeitgeber war eine von mehreren Säulen für deinen Purpose – nicht der alles tragende Stützpfeiler. Career Resilience bedeutet, den eigenen Sinn von der konkreten Position zu entkoppeln. Dein Engagement für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit oder nachhaltige Transformation bleibt bestehen, auch wenn sich der organisatorische Rahmen ändert.

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Konkrete Ratschläge für Jobsuchende im Nagori-Zustand

  1. Akzeptiere die Übergangsphase als eigenständige Phase.
    Sie ist nicht „gescheitertes Arbeiten“, sondern eine Transformationszeit.

  2. Strukturiere deinen Alltag – aber übertreibe es nicht.
    Eine Balance aus Bewerbungszeiten, Weiterbildung und bewusst freier Zeit stabilisiert.

  3. Pflege soziale Kontakte.
    Isolation verstärkt Scham. Gespräche relativieren sie.

  4. Reflektiere deine beruflichen Jahreszeiten.
    Wo stehst du gerade? Was braucht diese Phase?

  5. Investiere in Kompetenzerweiterung.
    Nicht aus Druck und Selbstoptimierungszwang, sondern aus Neugier heraus. Auch der Nachhaltigkeitssektor entwickelt sich stetig weiter.

  6. Trenne Selbstwert von Erwerbsstatus.
    Dein Wert entsteht nicht durch eine Vertragslaufzeit.

  7. Ritualisiere den Abschluss.
    Ein bewusster Abschied reduziert das emotionale „Nachklingen“.

  8. Erlaube dir Ambivalenz.
    Erleichterung und Trauer können gleichzeitig existieren. Das ist menschlich.

Fazit: Was wir vom Nagori-Zustand lernen können

Das japanische Konzept erinnert uns daran, dass Übergänge keine Leerlaufzeiten sind, sondern wertvolle Erfahrungsräume. In einer Arbeitswelt, die Kontinuität und Leistungsfähigkeit idealisiert, fehlt in unserer Kultur oft die Sprache für das Dazwischen.

Nagori gibt uns diese Sprache.

Für Jobsuchende nach einer Kündigung bedeutet das: Die aktuelle Phase ist kein Makel im Lebenslauf, sondern Teil eines beruflichen Zyklus. Sie trägt Spuren des Alten und bereitet gleichzeitig das Neue vor.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Manchmal beginnt der nächste Frühling nicht mit Aktivismus, sondern mit einem bewussten Winter.

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