Foto: © Johannes Fuchs
Case Study

Nachhaltigkeit für’s Auge: Mit Design eine lebenswerte Zukunft sichtbar machen

von Charlotte Clarke, 19. November 2019 07:41
Bilder wecken unsere Aufmerksamkeit, rufen Emotionen hervor und lassen uns komplexe Zusammenhänge leichter überblicken. Auch nachhaltige Marken und Projekte kommunizieren ihre Ideen am besten über ausdrucksstarke Grafiken. Der freie Designer und Illustrator Johannes Fuchs hat uns seine schönsten Arbeiten gezeigt und uns verraten, wie man als Kreative*r den Weg in die Nachhaltigkeitsbranche findet. Begleite uns bei dieser kleinen, spannenden Case Study.

Als freier Illustrator und Designer hast du dich auf nachhaltigkeitsrelevante Themenbereiche wie sozialer Wandel, Zukunftsgestaltung und Wissenschaftskommunikation spezialisiert. Welche persönliche Motivation steckt dahinter? Magst du uns deinen Werdegang kurz erzählen?

Johannes Fuchs: Gerne. Ich möchte als Gestalter meinen Beitrag für eine lebenswerte Welt leisten, indem ich nachhaltigkeitsrelevante Themen mit meinen Illustrationen unterstütze. Ich hatte das Glück, in den vergangenen Jahren im Berliner Startup-Bereich innovative Unternehmen, die Hoffnung und Zuversicht für unsere Zukunft wecken, als Designer zu begleiten. Seitdem fokussiere ich meine Kreativität auf das Erklären und Bewerben dieser Themen.

Heute arbeite ich hauptsächlich an Corporate Illustrationen (illustrative Markengestaltung), Editorial Illustrationen (Zeichnungen für Magazine und Blogs) und Infografiken für Klienten wie Bioland, die Deutsche Bahn und das Bayerische Zentrum für Angewandte Energieforschung.

Foto: © Johannes Fuchs

Welchen Vorteil hat es, sich als Designer*in auf einen Themenbereich zu fokussieren bzw. sich in diesem auch fachlich ziemlich gut auszukennen? Theoretisch könntest du ja alles mögliche illustrieren und hättest eine größere Kundenzielgruppe…

Johannes: Ich glaube, dass es sinnvoll ist, die Themen zu gestalten, die einen interessieren, denn umso authentischer und gewissenhafter sind am Ende die Designs. Als selbstständige*r Illustrator*in kann man in der heutigen Zeit weltweit arbeiten und hat selbst mit Nischenthemen eine große Zielgruppe. Schwieriger ist es, auf dem globalen Markt aus der Masse herauszustechen, da lohnt es sich, die eigenen Kernthemen zu betonen.

Für eines deiner Projekte hast du mit der südostasiatischen Stadtplanungs- und Architekturbüro BioSEA zusammengearbeitet. BioSEA überträgt die Prinzipien ökologischer Systeme auf Gebäudearchitektur (»Biomimikry«) und möchte so urbane Räume nachhaltiger gestalten. Dabei sind detaillierte Infografiken entstanden, in denen sich Gebäude mit ihren »organischen« Strukturen in die Umwelt einfügen. Was genau macht diese Gebäude besonders?

Johannes: Biomimetische Gebäude setzen auf bereits existierende Design-Lösungen, die sich in der Natur über Milliarden Jahre bewährt haben. Der Begriff Biomimikry setzt sich aus den Wörtern »Bio« (das Leben) und »mimikry« (das Nachahmen) zusammen. Ein Beispiel aus der Natur, das nachgeahmt wird, sind Termitenhügel. Ein Termitenbau hält eine konstante Temperatur ganz ohne Klimaanlagen. Dieser Design-Hack der Termiten eignet sich ausgezeichnet für rapide wachsende Metropolen, die unter der Hitze leiden. Biomimikry-Spezialist*innen wie Dr. Anuj Jain von BioSEA können Designlösungen aus der Natur aufschlüsseln und gemeinsam mit Architekt*innen auf Gebäude übertragen. Das Ziel sind südostasiatische Großstädte, die so nachhaltig werden sollen wie der Regenwald, der sie umgibt.

Foto: © Johannes Fuchs

Foto: © Johannes Fuchs

Die in den Illustrationen dargestellte Umgebung sieht für europäische Augen ein wenig nach utopischer Science Fiction aus. Werden z.B. in Singapur, wo BioSEA ansässig ist, solche Gebäude bereits tatsächlich errichtet? Warst du im Rahmen des Projektes auch selbst vor Ort?

Johannes: Ja, solche smarten, naturinspirierten Gebäude gibt es bereits in Singapur. Aber auch in Deutschland, mit langer Tradition in der Bionik, gibt es bereits spannende naturinspirierte Designs und Architektur. Manchmal sind sie unsichtbar, verborgen in der Struktur der Gebäude wie im vorherigen Beispiel, manchmal haben Gebäude aber auch Funktionen oder Formen, die aus der Natur nachgeahmt wurden und direkt ins Auge fallen. Vor Ort war ich bei diesem Projekt zwar nicht, die Absprache hat aber auch super online funktioniert.

In Bezug auf utopische Science Fiction: Ich arbeite gerade mit deutschen Architekt*innen und Biomimikry-Spezialist*innen an einem Projekt namens »Biopolis«, das Zukunftskonzepte für Deutschland vorstellt. Wir möchten mit dem Projekt »Biopolis« proaktive Science Fiction stärker beleuchten und fragen: Wie könnten die Städte von morgen aussehen? Was wäre eigentlich wünschenswert? Ich glaube, wir haben konkrete Vorstellungen, wie eine schlechte (dystopische) Zukunft aussehen kann, deshalb visualisiere ich als Kontrast dazu gerne Zukünfte, die auf nachhaltiger und sozialer Innovation basieren.

Auch für die Oktoberausgabe des Magazins Zukunft Deutschland hast du das Cover-Bild designt und zahlreiche Editorial-Illustrationen erstellt. In den Artikeln der Ausgabe werden nachhaltige Zukunftstrends vorgestellt, die durch deine Arbeiten grafisch ergänzt werden. Wie bei dem zuvor vorgestellten Projekt geht es um die Visualisierung technischer Prinzipien. Worin unterscheidet sich hier der Designprozess von Projekten, bei denen es nicht um Wissenschaftskommunikation im weitesten Sinne, sondern primär um künstlerische Ästhetik oder das Wecken von Emotionen (z.B. bei Werbegrafiken) geht?

Johannes: Beide Arten von Illustrationen beeinflussen sich. Ich verwende Ideen aus der Wissenschaftskommunikation in Projekten, die rein an der Ästhetik orientiert sind, um Science Fiction-Szenen zu zeichnen. Im Falle der Editorial-Illustrationen für das Magazin »Zukunft Deutschland« hatte ich eine kurze Abgabefrist und eine grobe Zusammenfassung der Themen, die illustriert werden sollten. Für Infografiken und Corporate Illustrationen habe ich in der Regel etwas mehr Zeit und kann mehr in die Tiefe gehen. Beide Arten von Illustrationen machen aber sehr viel Spaß!

Foto: © Johannes Fuchs


Foto: © Johannes Fuchs

Wie würdest du deine persönliche künstlerische Handschrift bzw. deinen Stil beschreiben? Gibt es etwas, woran immer erkennen kann »Dieses Werk ist von Johannes Fuchs«?

Johannes: Mein Stil ist klar, reduziert und hat eine saubere handgezeichnete Note. Häufig geht es natürlich um nachhaltig- und sozial-innovative Themen mit einer Prise Unterhaltung oder Witz in schöner Verpackung. Mir geht es darum, Neugier und Hoffnung für unsere Zukunft zu wecken.

Kannst du kurz erläutern, wie die Zusammenarbeit mit deinen Kund*innen aussieht? Nach welchen Kriterien wählst du deine Aufträge aus und in welchen Schritten wird ein Projekt bearbeitet? Wie viel künstlerischer Freiraum steht dir offen?

Johannes: Je nach Projekt ist die Zusammenarbeit sehr unterschiedlich. Gemeinsam mit offenen Unternehmer*innen überlege ich mir über die Illustrationen hinaus ein Kommunikationskonzept, um bestmögliche Resultate zu erzielen. Dann entwerfe ich Skizzen bis wir den Moment erreichen, der das Konzept auf den Punkt bringt. Im Anschluss folgt auch schon die Ausarbeitung der Illustrationen mit ein paar Korrekturschleifen zur Abstimmung von Details.

Manchmal gibt es bereits sehr konkrete Vorstellungen, dann ist die Herausforderung, kreativ innerhalb des engen Rahmens zu sein, aber in der Regel habe ich Kund*innen, die sich nicht nur schöne Bilder, sondern auch den kreativen Input wünschen. Entgegengebrachtes Vertrauen und Offenheit liefern die spannendsten Ergebnisse.

Generell freue ich mich über jede Zusammenarbeit. Vorzug haben die Aufträge, die thematisch nah an meinen Kernthemen sind, aber das ist kein exklusives Kriterium. Ich schließe nur bewusstes Greenwashing und extreme politische oder religiöse Aufträge aus.

Was sind für dich die größten Vorteile einer freiberuflichen Tätigkeit und an welchen Stellen hat man es aus deiner Perspektive als Angestellte*r besser? Was war ausschlaggebend dafür, dich doch für die Selbstständigkeit zu entscheiden?

Johannes: Ich arbeitete bereits während des Studiums als freiberuflicher Designer im Nebenjob, daher kam der Schritt als Vollzeitillustrator und -designer automatisch nach meinem Abschluss. Es gibt nur wenige angestellte Illustrator*innen. Die Selbständigkeit ist üblich für dieses Arbeitsfeld.

Die selbstgewählte Zeiteinteilung ist natürlich super an der Selbständigkeit – und die Möglichkeit, eigene Geschäftsideen in die Realität umzusetzen. Oftmals kann man als Angestellte*r dafür aber besser planen, was Anschaffungen und Urlaube angeht und die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ist klarer.

Dein Fokus liegt klar auf digitaler Illustration. Wie machst du aus deinen Zeichnungen digitale Grafiken? Gibt es deiner Meinung nach Zusammenhänge, wo die guten alten analogen Medien nach wie vor geeigneter oder wirkungsvoller sind?

Johannes: Ich zeichne fast ausschließlich digital auf einem Tablet-Bildschirm. Das Schöne ist, dass ich wie im Analogen mit einem Stift zeichne, aber im Anschluss mehr Möglichkeiten habe als auf einem Blatt Papier. Ich kann zum Beispiel nachträglich das Blattformat ändern oder meine Illustration animieren. Außerdem kann ich über Cloud-Dienste nahtloser mit Kolleg*innen zusammenarbeiten. Bei der Konzeptentwicklung finde ich aber das gute alte Papier oder Post-Its vorteilhaft. Dann kann ich mir direkt an der Pinnwand einen Überblick verschaffen und über den weiteren Weg entscheiden.

Mehr Arbeiten und Projekte von Johannes kannst du auf seiner Portfolio-Website und seinem Behance-Profil bestaunen.


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