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Im Februar 2013 startete die Testphase der millionways Stiftung, in der telefonische Interviews mit Menschen geführt wurden, um für sie ihr Potenzial aufzudecken. Seit 2015 ist die Stiftung öffentlich aktiv und hat seitdem viele neue Mitglieder gewonnen.

Ihre Vision und das Motiv der millionways Stiftung ist der Potentialismus. Was bedeutet das?

Martin Cordsmeier: Das Wort Potentialismus wurde von uns entwickelt, weil das Thema Potenzialentfaltung oft so theoretisch ist. Viele Menschen finden das eher abstrakt. Im Grunde geht es darum, das eigene Potenzial erst einmal zu erkennen, um dann daraus etwas zu machen. Das muss nicht immer gleich etwas Riesengroßes sein, einfach das was man als sein eigenes Potenzial erkennt. Und ich glaube, wenn man das dann gemacht hat, was auch immer das im Einzelfall bedeutet, ist man ein Potentialist. Das ist so unsere Definition.

Wie lässt sich das eigene Potenzial, ihr sprecht auf eurer Website auch von Talent, aufdecken?

Cordsmeier: Die meisten Menschen wissen überhaupt nicht, dass sie ein Talent haben. Und das liegt ja vor allem daran, das Talent in unserer Gesellschaft falsch definiert ist. Wenn man sagt, "Jeder Mensch hat Eigenschaften, also muss auch jeder Mensch ein Talent haben!", dann ist das eine ganz andere Herangehensweise. Und das ist das erste, was wir versuchen den Leuten zu vermitteln: man gar nicht kein Talent haben. Man ist eben ruhig oder gesprächig, oder eloquent oder empathisch, irgendwas hat ja jeder.

Die millionways Stiftung vernetzt ihre Mitglieder miteinander, wozu und wie funktioniert das?

Cordsmeier: Die Idee dahinter ist: Am ehesten erkennt man, was man kann, wenn man jemanden vor sich hat, der das überhaupt nicht kann und andersherum. Und schon spiegelt man sich gegenseitig, wie wertvoll das eigene Talent ist. Und das ist im Grunde eine sehr schöne Methodik, fanden wir. In Zukunft werden wir das Vernetzen automatisch, also über Algorithmen machen, weil wir nicht jeden interviewen können.

Die Stiftung gibt also den Denkanstoß, sich über sich selbst neue Gedanken zu machen. Was passiert nach dem Vernetzen?

Cordsmeier: Was dann passiert, liegt aber bei den Menschen selbst. Wir nehmen die nicht an die Hand. Das ist ja das Entscheidende, dass wir nur Wege zeigen! Deswegen auch der Name - millionways. Machen müssen die Menschen das dann selbst und oft reicht es tatsächlich aus, dass die Vernetzten sich dann treffen und jeweils erfahren, was sie können, um ihr Leben ändern. Wir sammeln Feedbacks, die wir von den einzelnen Menschen erhalten. Die vielleicht sagen, dass ihnen allein schon das Telefon-Interview so viel Mut gemacht hat, dass sie danach ihr Leben geändert haben. Und das ist ja ein Erfolg!

Und sind bereits gemeinsam laufende Projekte erwachsen?

Cordsmeier: Ja, es gibt sehr viele Projekte, die daraus entstanden sind. Und sehr, sehr unterschiedliche, weil das eben auch die unterschiedlichsten Menschen waren. Von vielen Sachen wissen wir leider gar nicht. Die Menschen haben sich dann getroffen, Dinge entwickelt und etwas zusammen gemacht oder auch nicht. Manchmal rufen wir bei Leuten an und dann erzählen sie uns was sie alles gemacht haben. Und wir dachten, da hättet ihr euch auch mal kurz melden können… (er lacht)

Natürlich gibt es auch konkrete Projekte, das sind mittlerweile mindestens 30. Das ist einmal eine App, die ein Autist programmiert oder Outdoor-Kleidung, die Obdachlose entwickeln. Eine Frau hat eine Zeitschrift gegründet, die es mittlerweile am Kiosk gibt. Viele Menschen haben einen neuen Job dadurch gefunden. Diverse Cafés und Kindergärten sind in Planung... Vieles darf ich leider noch nicht konkret erzählen, weil es die Geheimnisse der Menschen sind.

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Wer sind die Menschen, die sich bei der millionways Stiftung melden?

Cordsmeier: Das ist bunt gemischt mit einer großen Nachfrage. Am Anfang haben wir das nicht nach Zielgruppe oder so gesteuert. Gemeldet haben sich sehr wenige ganz junge Menschen, 18jährige oder so. Vor allem waren es Menschen ab Mitte 20 bis Mitte 30 und dann wieder ab Ende 40. Es ist schon interessant, dass dazwischen so eine Lücke ist. Oft ist man ja mit Mitte 30 schon auf seinem Weg und möchte den auch erst einmal so durchziehen, weil man sonst so das Gefühl hat gescheitert zu sein. Das ist so unsere Interpretation. Und mit Ende 40 kommt dann die klassische Klischee-Midlife-Crisis. Es muss nicht unbedingt eine Krise sein, aber jedenfalls kommt dann oft das Hinterfragen und auch das Wort Sinn ins Spiel. In fast jedem Gespräch hört man in der einen oder anderen Art, "Ich möchte was Sinnhaftes machen.".

Und was gibt Ihrer Meinung nach dem Leben Sinn? Was macht die Menschen zufrieden?

Cordsmeier: Wenn man ältere Leute fragt, sind das immer die Beziehungen, die sie gehabt haben, alle Beziehungen. Die Menschen, die einen verstanden haben, die einem Mut gemacht haben, als man selber keinen mehr hatte, die Geschäftspartner mit denen man etwas aufgebaut hat, auch die Lebenspartner und auch die, die weg sind. All die Menschen, die einen wirklich bewegt haben. Und das ist dann scheinbar das, was am Ende des Lebens wichtig ist. Ich habe mit sehr vielen alten Leuten gesprochen und es ist immer das Gleiche. Im Grunde ist es dieses zu Hause, das viele nicht mehr haben. Früher war es das soziale Umfeld. Und das ist heute durch diese Beliebigkeit immer weniger geworden. Ich meine das gar nicht böse, es hat aber auch Nachteile.

Am schönsten ist es dann natürlich, was man in sich selbst hat, mit Menschen, die einem nah sind. Das ist schon ein großer Schlüssel. Und das ist, was ich glaube, dann zufrieden macht. Ich habe ja selber so etwas gesucht. Dann habe ich aus meinem Inneren, mit dem was ich da hatte, etwas gemacht, nämlich millionways. Jetzt bin ich damit auch zufrieden, aber auch ich will noch andere Sachen machen.

Was sind die Sorgen und Ambitionen der Mitglieder, die sich bei euch melden?

Cordsmeier: Die größte Gruppe war eine Zeitlang die, der über 50jährigen. Das berühmteste Beispiel war der Steuerberater, er war auch über 50 und wollte immer Fotograf werden. Sein Problem war, dass er sein Hobby vernachlässigt hat. Und er erzählte von den Sorgen, die er innerlich hat, emotional: Dass seine Leidenschaft keinen kümmert, niemanden interessiert und eher belächelt wird. Das kriegen ja alle Künstler zu hören, "Was machst du denn eigentlich?". Das ist ja total gemein, auch respektlos. Aber das meinen die Leute ja gar nicht so, weil das ja auch wirklich schwierig ist.

Es gibt auch ganz viele ältere Leute, die ihr Wissen gerne an Jüngere weitergeben möchten. Und das hat mich auch sehr überrascht und zugleich gefreut. Und anders gibt es auch gerade die 30jährigen, die nicht wissen, was sie eigentlich wollen. Manche sagen, "Ich war 10 Jahre in der Berliner Startup-Szene und bin jetzt zweimal fast gestorben. Vielleicht ist es doch nicht so toll, wie man denkt. Vielleicht gibt es ja auch noch eine andere Möglichkeit, statt 24 Stunden am Tag für 1.000,- Euro netto zu arbeiten.". Das ist auch eine ganz große Gruppe, die auf der Suche ist. Die berühmte Generation Y ist ja kein Klischee, dort herrscht Orientierungslosigkeit sondergleichen. Vielen macht das auch Angst. Sie sind von den ganzen Möglichkeiten überfordert.

Also spielt Unzufriedenheit im Beruf und im Leben allgemein eine Rolle?

Cordsmeier: Auf jeden Fall, zumindest unerfüllt sein. Und das sind natürlich die meisten Menschen. Das soll aber nicht wie ein Luxusproblem klingen. Oft haben sie schon 30 Jahre ihre eigenen Themen vernachlässigt und merken jetzt, dass ihnen das fehlt.

Wie gehen die Talente der einzelnen Menschen in unserer Gesellschaft verloren?

Cordsmeier: Im Grundsätzlichen ist das System ja nicht talentorientiert, sondern eher flächenorientiert. Das ist ja auch kein Geheimnis. Und natürlich wird man da von Anfang an durch das Erziehungssystem, die Gesellschaft, die Eltern geprägt: Mit den Suggestionen, die man da bekommt, "man muss ja etwas Vernünftiges machen" und so weiter, wird man immer mehr davon weggeschoben auf seine innere Stimme zu hören. Darüber habe ich jetzt auch das Buch geschrieben, Nimm Dir das Leben, das Du wirklich willst: Warum wir weniger arbeiten und mehr Spaß haben sollten. Das ist genau zu dieser Philosophie dahinter. Das Buch ist dadurch entstanden, dass ich mit so vielen Menschen geredet habe.

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews »Seinen eigenen Weg finden? »Wieder einen Wert beimessen, was einen bewegt«