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Berufsbild Umweltpsychologie: »Wir dürfen nicht aufhören, Fragen zu beantworten und neue zu stellen, um dem Klimadiskurs eine fundierte Grundlage zu geben«

von Robert Franzen, 16. Juni 2020 09:42
Vielen Menschen sind der Klimawandel und die draus resultierenden Implikationen durchaus bewusst, dennoch handelt nur ein Bruchteil der Bevölkerung bewusst nachhaltiger und umweltfreundlicher. Woher dieser Widerspruch kommt, ist einer der vielen Forschungsschwerpunkte von Umweltpsycholog*innen. Wie genau die Arbeit in diesem Forschungsfeld aussieht, für was sie eingesetzt werden kann und wie man am besten in dieses Berufsfeld einsteigt, erzählt Doktorandin Jana Kesenheimer von der Universität Innsbruck in Österreich.

»Umweltpsychologie« ist ein Begriff, mit dem nicht jede*r etwas anfangen kann. Wie würdest du diese Disziplin deiner Oma erklären?

Jana Kesenheimer: Die Umweltpsychologie fragt einerseits nach Einflüssen der Umwelt auf das Erleben und Verhalten unsereins, andererseits auch nach dem Einfluss des Erlebens und Verhaltens eines Menschen auf die Umwelt. Es ist also ein wechselseitiger Prozess: Unsere Umgebung beeinflusst uns ebenso, wie wir unsere Umwelt beeinflussen. Mit dem Begriff »Umwelt« ist dabei nicht nur die Natur gemeint, sondern jede Form unserer sozialen, kulturellen und materiellen Umwelt, in der wir uns bewegen. Die Zukunft unserer Umwelt, im weitesten Sinne, hängt davon ab, wie wir Menschen uns verhalten. Jede*r von uns trifft täglich Entscheidungen, die sich in Summe nachhaltig auf unsere Umwelt auswirken. Deshalb ist zum Beispiel die Klimakrise vor allem auch eine psychologische Herausforderung.


Du bist Doktorandin an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und forscht auch zum Thema Umweltpsychologie. Welchen Schwerpunkt hat deine Forschung?

Jana: Als Doktorandin der Sozialpsychologie stelle ich mir die Frage, unter welchen sozialen und psychologischen Umständen sich ein Mensch umweltbewusst verhält - und wann und warum eben nicht. Beispielsweise habe ich zusammen mit Prof. Dr. Greitemeyer in einer Studie herausgefunden, dass sich viele Menschen besonders dann umweltbewusst verhalten, wenn die Möglichkeit besteht, sich dadurch in einem besonders guten Licht darzustellen. Zum Beispiel entscheidet man sich persönlich möglicherweise lieber für ein Fleischgericht zum Mittagessen, wirft den Zigarettenstummel auf die Straße und duscht besonders lange. Wenn Kolleg*innen, Freund*innen oder Mitbewohner*innen »Zeugen« sind, z.B. beim gemeinsamen Lunch oder durch das gemeinsame Wohnen, verhält man sich entsprechend lieber umweltbewusst: Wählt ein vegetarisches Essen, entsorgt die Zigarette im Müll und duscht nur kurz. Umweltbewusstsein ist inzwischen »in« und gehört zum guten Ton. In der Studie, in welcher die Teilnehmer*innen 14 Tage lang Tagebuch über ihr Verhalten führten, zeigte sich, dass insbesondere Menschen mit narzisstischen Tendenzen solch »egoistisches« Umweltverhalten an den Tag legen. Spannend finde ich: Der Umwelt ist es egal, aus welchen Gründen sie geschützt wird. Insofern sind egoistische und altruistische (d.h. selbstlose) Motive erst einmal gleichwertig. Welche Motivation langfristig die nachhaltigere ist, ist eine andere Frage…

Wie wir diese Erkenntnisse in Interventionen zur Klimakrise anwenden können, ist der nächste große Schritt, dem ich mich widmen möchte.


Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus?

Jana: Einen typischen Arbeitstag gibt es in der Form eigentlich kaum. Meine Arbeit ist abhängig von verschiedenen aufeinander folgenden Prozessen der Forschung. Dazu gehört in erster Linie die Recherche. Man muss sich zuerst so viel Wissen zu einem Thema aneignen, dass man auf Fragen stößt, die man mit bestehender Literatur nicht mehr beantworten kann. Das Gefühl, an einem kritischen Punkt keine Antwort zu finden, ist deshalb durchaus positiv. Die Aufgabe der Wissenschaft ist es schließlich, Wissen zu schaffen. Eine gute Portion Neugier, Wissbegier und Beharrlichkeit ist deshalb wichtig, denke ich.

Um sich einer Forschungsfrage zu nähern, sind viele methodische Überlegungen notwendig. Wie haben sich andere Wissenschaftler*innen dieser Thematik bereits genähert? Was kann ich daraus lernen und ggf. besser machen? Auf diese Weise wird ein Studien-Design entworfen. Hypothesen werden von bisherigen Studienergebnissen abgeleitet und präzisiert. Man macht sich ebenfalls bereits Gedanken, mit welcher statistischen Methode die Ergebnisse auszuwerten sein werden. Wenn man all das gründlich durchdacht hat, wird die Studie schließlich durchgeführt, z.B. online durch Befragung einer möglichst breiten Masse oder in einem Labor.

Nach der Datenerhebung beansprucht die statistische Auswertung viel Zeit. Mit Hilfe statistischer Programme (z.B. R) kann man herausfinden, ob die Ergebnisse dem Zufall geschuldet sind oder aber einem Muster entsprechen. Daraus können dann Aussagen abgeleitet werden, welche die vorher getroffenen Hypothesen bestätigen oder ablehnen. Oft beantwortet man dadurch nicht nur die ursprüngliche Forschungsfrage, sondern stößt auf viele weitere Fragezeichen.

Der gesamte Prozess der Forschung wird in einem »Research-Paper« festgehalten. Im Rahmen meines Doktorats versuche ich dieses dann in einem einschlägigen Journal zu veröffentlichen. Dadurch wird Forschung für alle zugänglich und kann genutzt werden, um weiteres Wissen zu schaffen und Implikationen abzuleiten.

Neben diesem großen Standbein der Forschung zählt auch die Lehre zu meinem Alltag. Im Rahmen eines Seminars im Bachelor-Studiengang Psychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck unterrichte ich derzeit zum Beispiel ein Seminar zum Thema »Umweltbewusstsein als Gegenstand der Sozialpsychologie«. Hier lernen die Studierenden diesen Forschungsbereich kennen. Wir diskutieren viel. Vielen der Teilnehmer*innen liegt die Umwelt auch persönlich sehr am Herzen. Durch diesen Austausch lernen nicht nur die Studierenden, sondern auch ich immer wieder dazu.


Warum hast du dich für ein Studium dieser besonderen Fachrichtung entschieden? Welche persönliche Motivation steckt hinter dem Erforschen der Beziehung zwischen der menschlichen Psyche und der Umwelt? 

Jana: Mir hat die wissenschaftliche Forschung bereits während meiner Studienzeit sehr gefallen. Während sich Kommiliton*innen oft über Abschlussarbeiten beschwerten, hatte ich sehr viel Spaß daran. Statistik und das »Programmieren« mit Statistikprogrammen bereitet mir Freude. Gepaart mit einer unstillbaren Neugier habe ich gemerkt, dass das »mein Ding« sein muss. Als studentische Hilfskraft am Leibniz Institut für Wissensmedien (IWM) hatte ich während meines Bachelors in Tübingen zuvor einige Jahre lang in die psychologische Forschung schnuppern können. Zwischendurch war ich auch im wirtschaftlichen Bereich der Marktforschung bei einem Automobilhersteller tätig - ich habe dann aber schnell gemerkt, dass ich die nicht-kommerzielle Forschung bevorzuge. Ich machte mich nach meinem Master-Abschluss also auf die Suche nach einer Doktorandenstelle.

Getrieben von den aktuellen Ereignissen rund um den Klimawandel fragte ich mich, wie es sein kann, dass inzwischen wohl jedermann*frau sich dieser Krise bewusst sein muss, aber ein adäquates Handeln dennoch so schwer zu fallen scheint. Ich denke, um in einer Fachrichtung zu promovieren, ist es unabdingbar, für dieses Thema zu brennen. Im Fachbereich der Sozialpsychologie an der Universität Innsbruck habe ich dann die Möglichkeit bekommen, mich genau diesem Thema zu widmen.


Was sind deiner Meinung nach die wertvollsten Erkenntnisse, die man aus deinem Forschungsfeld gewinnen kann und wie könnten diese in der realen Praxis am besten eingesetzt werden? 

Jana: Mir ist es wichtig, mit den Erkenntnissen, die wir gewinnen, etwas für die Zukunft eines »guten Lebens« beitragen zu können. Der Gedanke eines Elfenbeinturms gefällt mir nicht. In der Wissenschaft müssen wir jedoch oft kleine Schritte gehen. Interventionen können nur durch eine Vielzahl an aufwändig durchgeführten Studien abgeleitet werden. Die Grundlagenforschung zu umweltpsychologischen Phänomenen, die möglicherweise trivial erscheinen, ist deshalb ebenfalls unabdingbar. Ich erhoffe mir bestenfalls, zusammen mit etlichen anderen Wissenschaftler*innen weltweit, eine evidenzbasierte Studiengrundlage zu schaffen, aus welcher Empfehlungen für politische Entscheidungen getroffen werden können. Um Interventionen zu gestalten, welche Menschen anleiten, sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltige Entscheidungen zu treffen, braucht es das Verständnis, wie dieses Verhalten zustande kommt. Hier hat die umweltpsychologische Forschung ihren Platz.

Zum anderen ist es für mich sehr wertvoll, dieses Wissen auch Studierenden an der Uni weiterzugeben. Sie können die Erkenntnisse und diese Art zu denken privat oder beruflich weiterdenken und verbreiten.


Welche Bedeutung hat für dich die stark interdisziplinäre Ausrichtung der Umweltpsychologie im Vergleich zu einer klassischen, inhaltlich klar abgegrenzten Fachrichtung?

Jana: Meiner Ansicht nach sind viele psychologische Fachrichtungen interdisziplinär ausgerichtet. Wenn es um das Leben eines Menschen geht, kommen immer auch moralisch-ethische, gesellschaftliche und politische Fragen auf. Ich selbst beschäftige mich innerhalb der Umweltpsychologie auf einer sozialpsychologischen Ebene. Viele der klassischen Modelle und Theorien der Sozialpsychologie lassen sich im Kontext der Umweltpsychologie anwenden – weil es eben in beiden Fällen um diese Wechselwirkung eines Menschen in seiner sozialen, kulturellen und physisch-materiellen Umwelt geht. Die Kunst ist es, verschiedene Ansätze zu vereinen. Aus vielen kleinen Puzzlestücken der interdisziplinären Forschung ergibt sich dann im besten Fall ein stimmiges großes Bild der Thematik. Aber auch Widersprüche führen zum Ziel, indem sie Stärken und Schwächen der verschiedenen Disziplinen aufzeigen.


Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen, um Umweltpsycholog*in zu werden? Wie finde ich heraus, welche Hochschule die richtige für mich ist?

Jana: Voraussetzung ist auf jeden Fall in erster Linie ein Hochschulabschluss der Psychologie. Auch ein bisschen Glück gehört natürlich dazu, eine passende Stelle zu finden. Ein Praktikum im Bereich der Umweltpsychologie zu absolvieren oder eine Abschlussarbeit in diesem Bereich zu schreiben, kann ein erster Schritt sein. So kann man an einer Hochschule oder einer anderen Forschungseinrichtung erst einmal hinein schnuppern. Möglichkeiten hierzu werden übrigens oft über den Newsletter der Initiative für Psychologie im Umweltschutz (IPU) publik gemacht. Ein toller Verein für alle Interessierte!


Wie sieht es mit den Berufschancen für Umweltpsycholog*innen aus? Gibt es neben der akademischen Forschungslaufbahn auch andere Tätigkeitsfelder, z.B. in der freien Wirtschaft? 

Jana: Umweltpsycholog*innen sind natürlich im Rahmen einer akademischen Laufbahn an Hochschulen, aber zum Beispiel auch außeruniversitär im Umweltbundesamt (DE/AT) gefragt. Dort werden interdisziplinär verankert auch politische Handlungsempfehlungen ausgesprochen. Stellen in möglichen Bereichen werden übrigens hier gesammelt online gestellt. In den meisten Fällen handelt es sich aber durchaus um forschungsbasierte Tätigkeiten und/oder um Beratung.


Ist eine anschließende Promotion in diesem Bereich zwingend erforderlich oder kann ich auch nach einem Bachelor- oder Masterabschluss auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen?

Jana: In forschungsbasierten Tätigkeiten ist eine Promotion fast unumgänglich, schätze ich. Die Promotion an sich ist meiner Meinung nach schon der erste Schritt der »Arbeit« als Tätigkeit.


Wie sehen deiner Einschätzung nach die Chancen für Quereinsteiger*innen aus? Welche Qualifizierungsmöglichkeiten gibt es, wenn ich z.B. bereits ein anderes Studium abgeschlossenen und/oder anderweitige Berufserfahrung habe und mich dann in den Bereich Umweltpsychologie orientieren möchte? 

Jana: Es gibt natürlich immer die Möglichkeit sich in Vereinen wie der IPU (siehe oben) auszutauschen und so im Bereich der Umweltpsychologie Fuß zu fassen. Durch dieses Netzwerk kann man möglicherweise wertvolle Kontakte knüpfen. Das würde ich als interessierte*r Quereinsteiger*in auf keinen Fall unversucht lassen.


Die Gesellschaft als Ganzes wird in Sachen Umweltschutz und Klimawandel immer stärker sensibilisiert. Welche Perspektiven siehst du diesbezüglich für Umweltpsycholog*innen? Glaubst du, dass dieses Forschungsfeld in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen wird?

Jana: Die Frage legt die Antwort bereits nahe: Ja, natürlich, davon gehe ich aus. Wir dürfen nicht aufhören, neugierig zu sein, Fragen zu beantworten und neue Fragen zu stellen, um dem Klimadiskurs eine fundierte Grundlage zur Diskussion und praktischen Implikation zu geben.



Über Jana Kesenheimer:

Jana arbeitet als Psychologin und Doktorandin in Wissenschaft und Lehre im Bereich der Sozialpsychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck in Österreich. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im umweltrelevanten Verhalten. Der Frage, wann und warum sich Menschen (nicht) umweltbewusst verhalten, stellt sie sich als Lehrveranstaltungsleiterin auch in einem Seminar im Bachelorstudiengang Psychologie, zusammen mit motivierten Studierenden.


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