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Politisches Speed Dating mit der App »Diskutier Mit Mir«: Ein sicherer Raum, um mit politisch Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen

von Charlotte Clarke, 19. März 2021 07:34
Demokratieförderung durch digitalen Dialog: Die App »Diskutier Mit Mir« matched dich in einem sicheren Diskussionsraum anonym mit Gesprächspartner*innen, die eine andere politische Meinung haben als du. Warum du das unbedingt einmal ausprobieren solltest? Du erweiterst deinen Horizont, lernst bislang unbekannte Lebensperspektiven zu verstehen und übst, deine Argumente sachlich und konstruktiv zu vertreten. Kein Hate Speech, kein Publikum, keine Pöbeleien, sondern ein Austausch auf Augenhöhe ist hier das Ziel. Bereit, deine Filterblase zum Platzen zu bringen?

Mit eurer App Diskutier Mit Mir wollt ihr den demokratischen Diskurs in unserer Gesellschaft stärken. Wie genau funktioniert euer Konzept?

Sabine Mehnert: Diskutier Mit Mir ist eine digitale Dialogplattform, die den demokratischen Austausch im Netz fördert. Die User*innen werden von unserem Algorithmus mit Menschen verknüpft, die gegensätzliche politische Ansichten vertreten. In anonymen 1:1-Chats tauschen sie sich aus, testen Argumente und entwickeln Verständnis für andere Meinungen. So möchte Diskutier Mit Mir den demokratischen Austausch fördern, zu einer Versachlichung von Debatten beitragen, Filterblasen zum Platzen bringen und der zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft entgegenwirken.


Viele Menschen bewegen sich in sog. Meinungsblasen, d.h. sie haben kaum Kontakt mit Menschen, die wirklich anders denken als sie selbst. Was sind eurer Meinung nach die primären Ursachen für den mangelnden Austausch und welche Folgen hat dies – sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene?

Sabine Mehnert: Das Problem der Filter- bzw. Meinungsblasen liegt darin, dass Menschen sich vorrangig mit anderen austauschen, die ihre eigene Weltanschauung teilen und diese so durch den Austausch verstärken. Das liegt möglicherweise einerseits daran, dass Menschen sich in ihrem unmittelbaren Umfeld gerne mit Menschen umgeben, die ähnliche Ansichten vertreten wie sie selbst. Vielleicht gibt es auch eine zu große »Bequemlichkeit«, aktiv Gespräche mit Andersdenken zu suchen. Das Phänomen wird allerdings durch soziale Medien und ihre Algorithmen verstärkt und befördert so die gesellschaftliche Polarisierung. Dort wollen wir ansetzen, indem unser Algorithmus eben genau andersherum funktioniert und Menschen miteinander »matched«, die gegensätzliche Meinungen vertreten. So hatten wir bei der Bundestagswahl 2017 zum Beispiel die meisten Matches zwischen Grünen- und AfD-Wähler*innen.


Welche problematischen Phänomene sind in den üblichen (digitalen) Diskussionsräumen (z.B. Social Media-Kanälen oder auch Fernseh-Talkshows) zu beobachten?

Sabine Mehnert: ...wahrscheinlich alle, die man auch im analogen Raum beobachten kann, nur noch verstärkt. Hate Speech und diskriminierende Äußerungen sind auf den meisten digitalen Kanälen ein großes Problem, von dem auch besonders junge Menschen betroffen sind. So fand die U25-Studie 2018 des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet heraus, dass 64 % der Jugendlichen das Internet als Raum wahrnehmen, in dem sie damit rechnen müssen, beleidigt oder beschimpft zu werden. Diese »Selbstzensur« ist natürlich ein großes Problem für den freien demokratischen Meinungsaustausch, besonders wenn es um politische Themen geht. Deswegen bietet Diskutier Mit Mir vor allem jungen Menschen einen geschützten Raum, in dem sie sich ganz offen und angstfrei online äußern können.

© Diskutier Mit Mir e. V.

Im Chat kommen also per Zufall zwei Menschen zusammen, die in Bezug auf ihre politische Einstellung möglichst weit auseinander sind. Im besten Falle erweitern die Gesprächsteilnehmenden ihren Horizont und entwickeln Verständnis für die Position der*des anderen – die Unterschiedlichkeit birgt aber auch ordentlich Zündstoff. Greift ihr in irgendeiner Form ein, wenn statt sachlichen Argumenten Pöbeleien und Beleidigungen ausgetauscht werden?

Sabine Mehnert: Unser Anliegen ist es, einen anonymen Raum und ein besonders niedrigschwelliges Angebot zu schaffen, mit dem wir möglichst viele Menschen erreichen können. Diskutier Mit Mir hat keine Möglichkeit, in die Inhalte der Diskussionen zu schauen. Dafür haben wir uns ganz bewusst entschieden. Umgangsformen sind uns aber trotzdem sehr wichtig: User*innen können den Chat außerdem jederzeit beenden und uns problematische Äußerungen melden. Wenn jemand dreimal gemeldet wird, wird er oder sie gesperrt und darf nicht mehr mitdiskutieren. Es ist uns wichtig, die Regeln des Miteinander-Diskutierens transparent nach außen zu tragen und dabei klar und deutlich für einen demokratischen Diskurs im Netz einzutreten.



Könnt ihr uns ein paar Beispiele für Themen oder Fragen nennen, die den Teilnehmenden im Chat vorgeschlagen werden? Können die Nutzer*innen auch selbst Diskussionsthemen vorschlagen?

Sabine Mehnert: Überall, wo ein Thema polarisiert, soll Raum für direkten Dialog geschaffen werden. Dafür setzt Diskutier Mit Mir vor allem auf lokale Themen, die Menschen vor Wahlen umtreiben oder die aktuelle politische Debatte prägen. Aktuelle Beispiele sind neben den Corona-Maßnahmen auch der Klimawandel oder die Debatten zum Mietendeckel. Zusätzlich haben wir oft Aktionen zu spezifischen gesellschaftlichen Themen wie Generationendialog oder Rassismusprävention.

Während der Diskussion können die User*innen ihrem Gegenüber jederzeit neue Diskussionsthemen vorschlagen und dabei aus einem breitem Themenpool wählen. In der neuen Version, die im März 2021 gelauncht wurde, können User*innen uns auch kontaktieren und eigene Themenvorschläge einreichen, die wir für die inhaltliche Bespielung der Plattform berücksichtigen.


Welche Tipps habt ihr für interessierte Nutzer*innen, damit der Austausch eine positive Erfahrung für beide Gesprächsteilnehmenden wird? Worauf sollte ich bei meiner Kommunikation achten, damit sie konstruktiv bleibt?

Sabine Mehnert: Ob online oder offline, es ist sehr wichtig, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen und sich sachlich zu Themen austauschen. Daher sollten sich User*innen auf die Argumente konzentrieren und nicht auf Persönliches, deswegen sind die Chats anonym.

Wir laden die Nutzer*innen dazu ein, genauer zuzuhören und Empathie und Verständnis für das Gegenüber aufzubringen. In einem Dialog geht es uns darum, die Antwort des*der Anderen abwarten und nicht einfach nur darauf los zu »monologisieren« – was ohne Publikum ja auch langweilig ist. Das trägt zu einer besseren Gesprächsatmosphäre bei. Nachrichten können auch zeitversetzt verschickt werden, wie in einem Messenger. Das heißt, die Benutzer*innen können überlegen, bevor sie antworten, ihre Argumente durchdenken und auch wieder löschen.

Insgesamt gelten aber einfach dieselben Höflichkeitsregeln wie im Analogen und man kann sich immer fragen: Möchte ich, dass jemand anderes so mit mir redet?


Welches Risiko seht ihr für die Verbreitung von explizit rassistischem, diskriminierendem, verfassungsfeindlichem Gedankengut und Verschwörungsmythen? Darf auf eurer Plattform wirklich jede »Meinung« geäußert werden oder werden solche Inhalte auf irgendeine Weise verhindert?

Sabine Mehnert: Die Grundidee ist, dass jede Meinung zählt und gleich viel wert ist. Wir haben auch eine Meldefunktion für solche extremen Fälle. Falls jemand von drei Personen gemeldet wird, wird er oder sie gesperrt. Das kommt aber tatsächlich sehr selten vor. Bei der letzten Bundestagswahl wurden deswegen nur drei Nutzer*innen gesperrt.

Wir sind davon überzeugt, dass unser Setting – unter Ausschluss eines Publikums – dazu einlädt, auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch zu kommen. Deswegen war uns das 1:1-Format sehr wichtig. Das bedeutet, es gibt keine Gruppendynamik, in der mehrere  Leute auf eine einzelne Person einreden und somit ein Ungleichgewicht oder Verletzungen entstehen. Niemand hat etwas davon, wildfremde Personen, die man nicht einmal persönlich angreifen kann, ohne Publikum zu beleidigen.


© Diskutier Mit Mir e. V.

Welches Ziel verfolgt ihr mit eurem Projekt? Inwieweit beeinflusst der Austausch mit Andersdenkenden im Idealfall eure Nutzer*innen?

Sabine Mehnert: Es geht um das Verständnis anderer Positionen und darum, die eigene Position argumentativ zu vertreten und hörbar zu machen gegenüber Haltungen, denen ich im alltäglichen Umgang nicht begegne. In unserer Zielgruppe sind auch viele junge Menschen, die wenig Erfahrung haben oder gerade zum ersten Mal wählen. Da freuen wir uns schon, wenn konstruktiv miteinander gesprochen wird und sie inhaltlich etwas dabei mitnehmen können. Weg vom Kommentarspalten-Anschrei-Modus und hin zu einem strukturierten, ruhigen Gespräch, in dem man sich seine Argumente überlegen kann.

In diesem Zusammenhang ist dieses Jahr gemeinsam ein Projekt mit der Initiative Offene Gesellschaft geplant. Wir planen dort, wo gewählt wird, mit jungen Erwachsenen im ländlichen Raum in einem hybriden Begegnungsraum über den Zustand unserer Demokratie ins Gespräch zu kommen, aber auch darüber, wie wir bestehende Herausforderungen solidarisch lösen können. Dabei fragen wir uns u.a., »Welche Möglichkeiten habe ich als Einzelperson, mich für mein Anliegen einzusetzen und auf welche Art und Weise kann ich das?« Wir laden die Teilnehmenden dazu ein, sich damit auseinanderzusetzen, was eine gelungene Argumentation ausmacht und befassen uns mit dem Abbau von Vorurteilen.

Darüber hinaus glauben wir, dass die Hemmschwelle für Menschen, die Ängste oder schlicht keine Berührungspunkte für Diskussionen in der Offline-Welt haben, geringer ist, wenn sie sich erst einmal anonym in der Diskussion ausprobieren können. Möglicherweise bekommt der- oder diejenige dann auch Anreize oder Lust, um auch in der echten Welt an Diskussionen und politischem Austausch teilzunehmen.


Wie ist Idee zur Gründung von
Diskutier Mit Mir entstanden? Welche Menschen stecken hinter dem Projekt?

Sabine Mehnert: Die Idee zu Diskutier Mit Mir stammt von Louis Klamroth, Moritz Hohenfeld und Niklas Rakowski. Entstanden ist sie 2017 vor der Bundestagswahl, als in der Presse viel diskutiert wurde, wie Meinungen in den sozialen Netzwerken polarisiert werden und wie stark das Internet in den vergangenen Jahren in der Kritik ist, die Demokratie negativ zu beeinflussen. Mit der Plattform wollten die Drei die positiven Aspekte des Internets nutzen, um politischen Austausch zu fördern und verhärtete Mauern aufzubrechen.

Die Idee ist, diesen Herausforderungen mit einer digitalen Lösung entgegenzutreten und ein Tool zu entwickeln, das sich genau gegen diese Phänomene richtet. So entstand Diskutier Mit Mir. Zur Bundestagswahl 2017 konnten wir an den Start gehen und hatten damit einen Riesenerfolg: Es gab über 20.000 Gespräche auf der Plattform. Für die Bundestagswahl 2021 rechnen wir mit einem Vielfachen davon!


Kann man Toleranz und Verständnis für andere Lebenswirklichkeiten und Meinungen lernen? Welche Strategien empfehlt ihr dafür? 

Sabine Mehnert: Wir glauben an die Lernfähigkeit von Menschen, vor allem dann, wenn dazu eine intrinsische Motivation besteht. Die muss nicht gleich sein, im Alleingang die Demokratie zu retten, sondern kann schon darin liegen, ein Gespräch zu suchen und Spaß am Hinterfragen zu haben. Die Menschen, die Diskutier Mit Mir nutzen, haben diesen ersten Schritt getan, indem sie Interesse an aktuellen Themen und anderen Meinungen haben. 


Bereit für einen Perspektivenaustausch jenseits deiner Filterblase? Dann ab zur Webseite von Diskutier Mit Mir!



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