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Gastartikel

Klimaschutz und Rassismus in der Internationalen Zusammenarbeit

von Charlotte Clarke, 15. September 2022 07:45
»Der Kampf gegen Rassismus muss immer auch einer für Klimagerechtigkeit sein.« Im Interview beschreibt Kathleen Roth von der Entsendeorganisation EIRENE den Zusammenhang zwischen Klimakrise und Rassismus näher und schildert, welche Prozesse zu einer rassismuskritischen und klimasensiblen Zusammen- und Projektarbeit im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit führen können.

Dieser Gastbeitrag unseres Partners wurde zuerst auf der Webseite der Fachmesse ENGAGEMENT WELTWEIT veröffentlicht.

Die Rolle von Personaldiensten wie EIRENE im internationalen Klimaschutz ist eines der diesjährigen Schwerpunktthemen im Rahmenprogramm der anstehenden Job- und Fachmesse ENGAGEMENT WELTWEIT (22. Oktober 2022, Siegburg)

Interview: Vanessa Simon, AKLHÜ e.V. – Netzwerk und Fachstelle für internationale Personelle Zusammenarbeit


Wo liegt der Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Rassismus?

Kathleen Roth: Es gibt eine extreme Ungleichheit zwischen den Verursacher:innen und den Leidtragenden der Klimakrise. Die Menschen im Globalen Norden sind für den größten Teil der Treibhausgase verantwortlich und somit Hauptverursacher:innen der Klimakrise, während Menschen im Globalen Süden am stärksten durch ihre Folgen bedroht werden. Wenn wir heutzutage unser Smartphone, Auto oder Tablet benutzen, dann sollten wir uns bewusst sein, dass diese Privilegien auch ihren Preis hatten und haben. Ohne Kolonialismus und Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen anderer Kontinente wäre in Europa die eigene Industrialisierung nicht möglich gewesen und uns damit dieser Reichtum verwehrt geblieben.

Die Ungerechtigkeit wird nun fortgesetzt. Menschen im Globalen Süden sind stärker von der Klimakrise betroffen (z.B. durch den Verlust landwirtschaftlich nutzbarer Böden im Sahel oder immer häufiger und stärker werdende Tropenstürme in Mittelamerika und der Karibik). Gleichzeitig können sie sich weniger dagegen wehren, denn der Zugang zu Hilfs-Ressourcen und Mitbestimmung ist ihnen meist erschwert. Der Kampf gegen Rassismus muss also immer auch einer für Klimagerechtigkeit sein.

Was bedeutet das für die personelle Zusammenarbeit? Welche Ansprüche entstehen an Fachdienste aus dem Globalen Norden?

Kathleen Roth: Die Verknüpfung zwischen den Themen Rassismus und Klimawandel ist m.E. in vielen Bereichen noch nicht präsent.

Bei EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. haben wir uns in einem mehrjährigen Prozess auf rassismuskritische Veränderungen bezogen und auch schon viel geschafft. So haben wir unter den Mitarbeitenden der Geschäftsstelle mittlerweile ein diverseres Team mit 13 verschiedenen Erstsprachen. Und bei der Auswahl von Fachkräften thematisieren wir ihre Haltung zur Rassismuskritik. EIRENE nutzt außerdem vermehrt die neu eröffnete Möglichkeit, im Zivilen Friedensdienst mit internationalen Fachkräften zu arbeiten, die ganz verschiedene Nationalitäten, auch außerhalb der EU, haben. Nun ist es an der Zeit, diesen rassismuskritischen Prozess um die Komponente der Klimakrise zu erweitern. Wir erwarten, dass Fachkräfte eine Sensibilität zum Thema Klimakrise mitbringen, denn sie werden vor Ort nah mit den Betroffenen zusammenarbeiten. Uns ist wichtig, dass Fachkräfte authentisch an den Projektthemen arbeiten, indem sie in ihrer Arbeitsweise eine rassismuskritische Haltung einnehmen und sich auch klimasensibel verhalten.  

Als Entsendeorganisation im Zivilen Friedensdienst, zusammen mit anderen Fachdiensten, fordern wir einen Internationalen »Klimadienst«, der als eigenständiges Programm speziell auf die Anforderungen der Klimakrise reagiert. Denn durch die Klimakrise werden Konflikte verschärft oder entstehen sogar erst, und dies wird in der Zukunft sicher noch weiter zunehmen.

Auch das verweist auf die Notwendigkeit, bei der Qualifikation von Fachkräften vermehrt auf Wissen und Sensibilität im Klimathema zu achten. Um sinnvoll Fachkräfte einzusetzen, z.B. um die Resilienz der Bevölkerung vor Klimawandelfolgen zu steigern, müssen auch die Projektansätze selbst diese Themen bearbeiten. In der praktischen Bearbeitung (Projektdurchführung, Zusammenarbeit zwischen den Trägern) spielen dann wiederum die Sensibilität bei Rassismus-Reproduktion, strukturellem Rassismus und der Umgang mit den eigenen Privilegien eine große Rolle. Welche Privilegien kann ich z.B. an meine Kolleg:innen weitergeben oder teilen? Wer nimmt wann Sprecher:innen-Rollen ein? D.h., dass in der konkreten Zusammen- und Projektarbeit die Verknüpfung von Rassismus und Klimakrise als gemeinsamer Lernprozess verstanden werden sollte.


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Können Sie ein Beispiel nennen, wie Fachkräfte vor Ort auf den Klimawandel eingehen?

Kathleen Roth: Die Wetterextreme nehmen auf grund der Klimakrise im Niger immer mehr zu. EIRENE unterstützt seit 2011 ein großes Netzwerk an lokalen Selbsthilfeinitiativen, welches Familien in West-Niger in der Anwendung von Agroforst-Methoden schult, die auf den Klimawandel und die zunehmende Trockenheit reagieren. Dazu zählen Baumpflanzungen, Erosionsschutz, Kompostierung zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und die Ausbildung von Multiplikator:innen. Familien in West-Niger erhalten so das Rüstzeug, um eigenständig gegen die Folgen der Klimakrise vorzusorgen.

So hat sich z.B. die Regenzeit in den letzten Jahren verkürzt und ist unberechenbarer geworden. Wenn es dann mal regnet, dann gibt es Starkregen, der zu schnell wieder abfließt, weil die Böden zu trocken sind. Mit Steinwällen kann das Wasser daran gehindert werden, zu schnell von den Äckern abzufließen. So bleibt genügend Zeit, dass das Wasser tief in die Erde sickert und den Wasserspiegel steigen lässt.


Was hat sich in den letzten Jahren durch den Klimawandel in der personellen Zusammenarbeit verändert und was muss sich noch verändern?

Kathleen Roth: Meiner Wahrnehmung nach ist das Bewusstsein über die Klimaschädlichkeit von internationalen Flugreisen gestiegen. Immer mehr Organisationen arbeiten an einer Reduzierung ihrer Flugreisen oder führen Kompensationsmechanismen ein. Es wird mittlerweile kritischer betrachtet, wie viele Flüge wirklich benötigt werden. Auch die Digitalisierung im Zuge der Corona-Pandemie ist ein großer technischer Schritt, der uns plötzlich klar aufzeigte, wie viel Austausch auch digital möglich ist, ohne einen klimaschädlichen Flug für z.B. eine Dienstreise antreten zu müssen. Digitale Meetings haben zwar einen hohen Energieverbrauch und auch ihre Grenzen, was sich damit erreichen lässt. Für das Klima ist es jedoch immer noch am besten, jeden einzelnen Flug einzusparen, der sich einsparen lässt und auf digitale Treffen umzusteigen. Im Bereich der Freiwilligenentsendung gibt es bereits Freiwillige, die auf internationalen Reisen auf Schifffahrten umsteigen.

Es wäre wünschenswert, wenn das Konzept des »Klima-Vorbehalts« eine stärkere Verbreitung findet: Dieser Begriff beschreibt, dass Entscheidungen (für Dienstreisen, Projektkonzeptionen etc.) immer auf ihre Auswirkungen auf den Klimawandel hin geprüft werden sollen. Das heißt, dass wir z.B. auf den Punkt der Flugreisen hin immer versuchen zu vermeiden, bzw. wenn das nicht möglich ist, dann zu reduzieren. Ist auch das nicht möglich, sollte über einen Ausgleich oder eine gewisse CO2-Kompensation nachgedacht werden.


Wie gehen die Fachdienste mit den Flugreisen um, die für die Fachkräfte wichtig sind, aber zum Klimawandel beitragen?

Kathleen Roth: Wir bei EIRENE reduzieren Flüge, wo wir können, allerdings lebt Friedensarbeit von echter Begegnung. Eine Fachkraft (evtl. mit Familienmitgliedern) muss an ihren Einsatzort reisen können auf einem zumutbaren Reiseweg, somit lassen sich Flugreisen oft nicht vermeiden.

Dafür ist ein Einsatz einer Fachkraft auch auf einen langen Zeitraum angelegt und eine An- und Abreise hat einen nachhaltigen Einfluss. Daher kommt dies dem Klima natürlich sehr viel mehr zugute als mehrere Reisen hin und zurück bei Einsätzen, die für einen kurzen Zeitraum angelegt sind. Die Fachkräfte sind in ihren Einsatzländern näher dran an dem Geschehen und können damit tiefer solidarisch sein, denn sie spüren die lokalen Auswirkungen auch mit. Dies ist am Ende eine Summe, die wir beschlossen haben zu zahlen, um vor Ort klimasensible Projekte mit unseren Partnern durchführen zu können.

Da die übrigen, notwendigen Flüge nicht eingespart werden können, macht es Sinn, sich über einen Ausgleich Gedanken zu machen. Ein klassisches CO2-Kompensationsprinzip sehen wir bei EIRENE eher kritisch, da ein »Sich-freikaufen« von Emissionen aus unserer Sicht nicht möglich ist.

Wir möchten trotzdem, gemessen an unserem Flugverhalten, einen Klimasolidaritätsfonds einrichten, der von unseren Partnerorganisationen im Globalen Süden selbstständig verwaltet und eingesetzt werden kann, um sich z.B. vor den Auswirkungen des Klimawandels besser zu schützen.

Wir würden uns freuen, wenn auch andere Fachdienste über Möglichkeiten der Vermeidung, Reduktion oder auch Kompensation von Flugreisen weiter nachdenken. Denn dieses Umdenken muss auf struktureller Ebene verankert sein, um diese Entscheidung im Einzelfall nicht von den individuellen Vorlieben abhängig zu machen.


Wie können die Leser:innen einen Beitrag dazu leisten, um die Themen Klimawandel und Rassismus in unserer Gesellschaft aufzuarbeiten?

Kathleen Roth: Ich denke, es geht zum einen um das Reflektieren über das eigene Konsumverhalten, aber zum anderen vor allem um strukturelle Veränderungen.

Konsum zu reduzieren und zu vermeiden, ist ein guter Weg, wenn er langfristig angelegt ist. Es ist merklich, dass es Einzelpersonen durch den Preisdruck in Krisensituationen (wie im aktuellen Krieg gegen die Ukraine) leichter fällt, Konsum zu reduzieren, als wenn es allein Appelle für Klimaschutz gibt. Es ist dadurch sichtbar, dass über die (staatliche) Preisgestaltung auch eine Steuerfunktion möglich wäre, um Verbraucher:innen-Verhalten zu verändern. Wegen der Situation im Globalen Süden muss dies die Strategie der Zukunft sein.

Jede Einzelperson wiederum kann auch strukturelle Veränderungen im eigenen Umfeld anstoßen. Manchmal gibt es zum Beispiel Gestaltungsmöglichkeiten im eigenen Sportverein, Elternverein, etc., um ökologischere Reisemöglichkeiten oder (teilweise) vegetarisches Essen vorzuschlagen. Letztendlich ist es wichtig, den Zusammenhang zwischen Klimakrise und Rassismus zu erkennen. Jeder Austausch mit anderen Personen ist dann hilfreich, um Stück für Stück ein Umdenken in der Gesellschaft zu mehr Klimagerechtigkeit zu erreichen.


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