klubtalent unterstützt Vereine beim Schaffen bezahlter Stellen: »Für die Engagierten geht mit der Arbeit im Verein ihr Traum in Erfüllung.«

Stell dir vor, du könntest dich hauptberuflich für das einsetzen, was dir am Herzen liegt. Menschen, die sich in einem Verein ehrenamtlich engagieren, tun dies meist aus tiefer Überzeugung – doch in aller Regel unbezahlt und nebenbei in der ohnehin knappen Freizeit. Das führt dazu, dass viele Vereine Schwierigkeiten haben, langfristige Strukturen und finanzielle Sicherheit aufzubauen. Das möchten die Gründer:innen von klubtalent mit professioneller Beratung ändern: Sie begleiten Vereine dabei, hauptamtliche Stellen zu schaffen. Welches Mindset Vereine dafür brauchen, verrät Gründerin Marthe-Victoria Lorenz im Interview.
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von Charlotte Clarke, 14. Juli 2022 07:22

Mit eurem Unternehmen klubtalent möchtet ihr dazu beitragen, dass es auch in kleineren Vereinen mehr bezahlte Stellen gibt. Welche übergeordnete Vision treibt euch dabei an?

Marthe-Victoria Lorenz: Unsere Vision ist die Schließung des »Social Pay Gaps«. Social Pay Gap heißt für uns dabei nichts anderes als: Sobald der Zweck einer Unternehmung sozial ist, sinken die Gehälter – häufig bis auf Null (sprich, die Arbeit wird ehrenamtlich erledigt).

Das bedeutet aber auch, dass diese Organisationen ihr Potenzial nicht ganz ausschöpfen können. Denn klar ist auch, dass eine engagierte Person in 40 Stunden pro Woche mehr bewirken kann, als in 5 Stunden pro Woche nach einem anstrengenden Vollzeit-Job.

Mit klubtalent wollen wir auf der einen Seite Vereinen helfen, mit Hauptamt ihre Visionen und Träume umzusetzen und damit ihr ganzes Potenzial zu entfalten. Ein Potenzial, welches wir als Gesellschaft gerade jetzt mehr als dringend benötigen. Auf der anderen Seite wollen wir tausenden Menschen – genauer gesagt 10.000 Engagierten bis 2028 – die Möglichkeit bieten, sich in Vollzeit und hauptberuflich für soziale Zwecke einsetzen zu können.

Dass die Menschen das wollen, zeigen viele unserer Erfolgsprojekte. Für die Engagierten geht mit der Arbeit im Verein ihr Traum in Erfüllung.


Welchen konkreten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen z.B. Sportvereine und ihre ehrenamtlichen Unterstützer:innen mit ihrem Engagement?

Marthe-Victoria: Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Erstmal kommen im Sportverein alle Gesellschaftsschichten zusammen, die sich sonst niemals treffen würden. Hier trifft Hartz 4-Empfänger:in auf CEO. Dann sorgt das regelmäßige Training dafür, dass sich v.a. Kinder und Erwachsene mehr bewegen und etwas für ihren Körper tun. Zusätzlich hat der Sport eine extreme Strahlkraft für sämtliche gesellschaftlichen Bewegungen, sei es Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit, Zusammenhalt. Zugleich transportiert der Sport viele Werte, die aktiv dort gelebt werden: sich an Regeln halten, zu lernen, mit viel Disziplin auch etwas zu erreichen oder besser zu werden, sich in ein Team einzufügen, usw.


Vor welchen Herausforderungen stehen viele Vereine und Ehrenamtliche bei der Bewältigung und Verstetigung ihrer Projekte und Strukturen? Warum sind hauptamtliche (sprich bezahlte) Stellen dabei hilfreich?

Marthe-Victoria: Erstens kann das Ehrenamt alleine manchmal das Überleben des Vereins nicht sicherstellen. Über 3.000 Sportvereine wurden aufgelöst, weil es keine Vorstände gab, die das Zepter übernehmen wollten. Ganze Mannschaften werden aufgelöst, weil es keine ehrenamtlichen Trainer:innen gibt, die nachfolgen. Denn Ehrenamt muss man sich leisten können. Wer Vollzeit arbeitet, Kinder hat, jemanden pflegen muss oder selbst krank ist, kann das nicht einfach so. Die Zeit fehlt dann. Die Folge: Der Großteil der Vereine findet niemanden, der es machen kann (obwohl sie wollen). Ein Verein, der rein aufs Ehrenamt setzt, ist deshalb mit ganz heißer Nadel gestrickt. Das Hauptamt kann hier die Lücke schließen. Jemand, der das Kernfundament des Vereins sicherstellt, einspringen kann, entlastet, Strukturen aufbaut usw. Denn selbst wenn die hauptamtliche Person geht, kann die Stelle aufgrund der Bezahlung leichter nachbesetzt werden.

Zudem können Vereine schon zeitlich nicht ihre Projekte umsetzen, die wir als Gesellschaft aber so dringend brauchen. Wie sollen neben dem normalen Spielbetrieb noch Kinderschutz- und Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt werden? Wie sollen Ehrenamtliche zu Arbeitszeiten in Schulen Kindergruppen betreuen? Wir haben ausgerechnet, dass ein Verein rund 3.500 Stunden braucht, um den Betrieb reibungslos ablaufen zu lassen. Rein ehrenamtlich geführte Vereine schaffen meist nur 1.000 Stunden im Jahr. Und die Vorstände finanzieren die Lücke. Mit Nicht-Umsetzung. Dann gibt es eben keinen Kinderschutz, dann werden eben keine Nachhaltigkeits-Maßnahmen umgesetzt, dann wird eben keine Halle gebaut, dann wird eben kein Rollstuhl-Team gegründet. Hauptamt kann diese so wichtigen Themen im Verein umsetzen, weil es dafür die nötige Zeit auch tagsüber mitbringen kann.


Wie genau unterstützt ihr Vereine dabei, hauptamtliche Personalstellen zu finden? Welche konkreten Schritte können Menschen unternehmen, die ihr Ehrenamt zu ihrem Beruf machen möchten?

Marthe-Victoria: Wir beraten und begleiten die Vereine bei diesem Weg. Die meisten wissen nicht, wo sie anfangen sollen, was sich alles verändert. Viele haben noch nie ein Unternehmen geleitet oder eine Führungsposition inne gehabt. Wir schon. Wir können die genaue Anleitung liefern, die notwendige Sicherheit, die notwendigen Schritte, die zum langfristigen Erfolg führen. Vereine, die mit uns gearbeitet haben, haben bis zu 150.000 € mehr Budget bekommen, fünf bis zehn neue Ehrenamtliche gefunden, bis zu 100 neue Mitglieder gewonnen und vor allem viel mehr Mut gefasst. Denn wir impfen den Vorständen auch immer ein Startup-Mindset mit ein, was nicht nur den Verein, sondern auch sie selbst persönlich nachhaltig weiterbringt.

Unser Herzstück ist hierbei das »Hauptamt-ready«-Programm. In 9 Monaten werden hier Vereinsvorstände intensiv an die Hand genommen. Die Finanzierung sicherstellen, die richtige Person wählen, die Mitglieder an Bord bekommen, die richtigen Strukturen einstellen: sämtliche Anleitungen, Methoden, Vorlagen und Prozesse werden gestellt. Dies macht es einfach und sicher für den Verein, den Schritt zu gehen.


Was können Vereine von klassischen Startups lernen – und umgekehrt? Wie bringt ihr diese beiden Welten zusammen?

Marthe-Victoria: Vereine und Startups haben ähnliche Rahmenbedingungen zu Beginn. Kein Geld, vielleicht noch einen Job nebenbei, man versucht alles kostenlos umzusetzen, jede:n zur Mithilfe zu bewegen.

Während Startups allerdings schnell in die Höhe wachsen, eine Perspektive auf Besserung haben, geht es bei Vereinen sehr langsam bis gar nicht voran.

Vereine können deshalb lernen, groß zu denken und große Visionen aufzubauen, Fehler zuzulassen und ins Machen zu kommen, zur Finanzierung nachhaltige Geschäftsmodelle einzusetzen und das Mindset »Das haben wir schon immer so gemacht« hinter sich zu lassen. Stattdessen den Status quo immer zu hinterfragen. Genau das impfen wir den Vereinen immer und immer wieder ein. Nur, weil es die letzten 30 Jahre funktioniert hat, muss es leider nicht heißen, dass es heute noch funktioniert. Die eine oder andere Tageszeitung kann davon ein Lied singen.


Beschränkt sich euer Angebot nur auf Sportvereine oder können auch Vereine aus anderen Bereichen eure Beratung in Anspruch nehmen?

Marthe-Victoria: Es können auch Vereine anderer Zwecke teilnehmen, da es am Ende bei allen die gleichen Probleme sind. Organisationsentwicklung ist Organisationsentwicklung. Die Inhalte sind aber aktuell noch sehr sportfokussiert, z.B. in der Budgetplanung.

© ACT Kassel e.V.

John Klink vom ACT Kassel e.V. freut sich, dass sein Verein durch die Zusammenarbeit von klubtalent nun zwei hauptberufliche Geschäftsführer:innen und vier Minijobber:innen anstellen konnte, den Haushalt um 200.000 EUR erhöht hat, 400 neue Kinder betreuen darf und komplett digitalisiert ist.


Wie finanziert ihr eure Arbeit? Ist es gerade für kleine Vereine nicht schwierig, eine solche Beratung in Anspruch zu nehmen?

Marthe-Victoria: Die Vereine zahlen uns für die Beratung eine pauschale Coaching-Gebühr, die auf unserer Webseite eingesehen werden kann. Wir haben ein solidarisches Preismodell, was bedeutet: Kleine zahlen weniger, Große zahlen mehr. Wer zu Beginn Schwierigkeiten hat, kann in Raten zahlen. Da wir aber bereits nach wenigen Wochen und Monaten erste finanzielle Ergebnisse erzielen, ist es für die meisten Vereine mehr als stemmbar. Wir vergrößern das Budget manchmal in sechsstellige Summen. Da stellt die Investition in unser Programm meist nur einen Bruchteil von dar.


Welche Menschen stecken hinter klubtalent und wie ist die Idee zur Gründung entstanden?

Marthe-Victoria: Wir sind aktuell ein kleines Team aus Angestellten und Freiberufler:innen, die alle aus dem sozialen Sektor kommen oder dorthin wollen.

Entstanden ist die Idee, als ich aus meiner vorherigen Firma ausgestiegen bin und mich gefragt habe: Was würdest du eigentlich arbeiten, wenn Geld keine Rolle spielen würde? Wenn du finanziell abgesichert wärst? Ich hatte damals ehrenamtlich eine Basketball-Abteilung bei Türkiyemspor Berlin aufgebaut und mich für Mädchenbasketball in Kreuzberg eingesetzt, was mir unfassbar viel Spaß gemacht hat. In der Halle sein, mit Kindern arbeiten, Events organisieren, Finanzplanung machen. Die Arbeit ist so vielfältig und so erfüllend. Wenn man mir gesagt hätte, dass ich das den ganzen Tag machen könnte – mein Herz.

Als ich recherchiert habe, habe ich gemerkt: Es kann gehen. Bereits tausende Vereine haben hauptamtliche und damit bezahlte Kräfte. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie vielen Menschen es so geht wie mir. Ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung hat innerlich gekündigt. Die Menschen machen Jobs, die ihnen zwar die Miete bezahlen und den Kühlschrank füllen, aber die Seele zurücklässt. Muss das sein?

Entweder etwas Sinnvolles tun oder Geld verdienen - Warum? Warum können wir nicht beides? Es gibt über 630.000 Vereine in Deutschland, knapp 90.000 davon sind Sportvereine. Vereine, die genug Angebote schaffen können, dass tausende und hunderttausende Menschen ihren Lebensunterhalt damit verdienen können, indem sie anderen Menschen, Tieren oder der Natur helfen. Dass das die Lösung für viele unserer Probleme ist, das möchten wir mit klubtalent zeigen.

Welche Werte sind euch bei der Entwicklung eures Geschäftsmodells besonders wichtig und wie lebt ihr diese im Alltagsgeschäft?

Marthe-Victoria: Wir haben als Organisation vier Kernwerte: Nachhaltigkeit, Unabhängigkeit, Balance und Mut. Die Umsetzung zeigt sich z.B. in der Hinsicht, dass wir in eine Purpose Company transformieren, und damit die Kernwerte nachhaltig sicherstellen – auch wenn ich mal nicht mehr dabei sein sollte. Unabhängigkeit zeigt sich darin, dass wir ein Geschäftsmodell haben und damit nicht auf Fördergelder oder Spenden angewiesen sind. Bei der Wahl der Investoren breit gestreut sind, aber auch bei der Teamaufstellung. Mut zeigt sich in der Größe unserer Vision: 10.000 bezahlte Arbeitsplätze in gemeinnützigen Vereinen zu etablieren. Die macht mir manchmal selbst Angst. Aber auch darin, dass wir kontinuierlich Dinge tun, die sich erstmal nicht angenehm anfühlen. So sind wir z.B. in die Kaltakquise eingestiegen als Team und pushen uns gegenseitig, fremde Menschen einfach anzurufen.

© Joanna-Naoumis
Über Marthe-Victoria Lorenz

Marthe ist Sportunternehmerin und Gründerin von klubtalent. Sie hat neben klubtalent auch schon Deutschlands größte Crowdfunding-Plattform (fairplaid.org) gegründet und aufgebaut. Ihre persönliche Mission ist es, so vielen Menschen wie möglich die gleichen Rahmenbedingungen zu geben und Benachteiligungen zu beseitigen. Der Sport spielt für sie hierbei eine zentrale Rolle. Er hat die Kraft, die Welt zu verändern. Sie ist selbst leidenschaftliche Basketballerin und war selbst als Jugendleiterin, Trainerin und Abteilungsleiterin im Verein tätig.

 Du willst mehr erfahren? Hier geht es lang zur Homepage von klubtalent.

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