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Interview mit Miriam Trebels von erlich textil

Nachhaltige Unterwäsche beim Mode-Startup erlich textil: »Wir wollen Teil der Lösung, nicht des Problems sein.«

von Charlotte Clarke, 26. Juli 2019 14:00
Was tragen wir auf der Haut und woher stammt unsere Kleidung eigentlich? Die Antworten darauf liefert das Unterwäschen-Startup seinen Kund*innen und möchte somit völlige Transparenz gewährleisten. Das Unternehmen leistet mit ökologisch nachhaltigen Materialien und fairer Produktion einen Beitrag zu bewusstem Konsum. Wie genau erlich textil dies schafft und was sie den klassischen »Fast Fashion« Unternehmen voraus haben, erfährst du hier im Interview mit PR-Managerin Miriam Trebels.

Euer Unternehmen hat sich auf nachhaltige Unterwäsche spezialisiert. Wie genau ist eure Idee zur Gründung von erlich entstanden?

Miriam Trebels: Sarah und Benjamin haben erlich textil 2016 ins Leben gerufen, nachdem sie festgestellt haben, dass sie in vielen Lebensbereichen, z.B. bei ihrer Ernährung, bereits auf Nachhaltigkeit und eine faire Produktion achten, aber bei der Kleidung, die ihnen tagtäglich am nächsten ist, nämlich bei ihrer Unterwäsche, wenig darauf geachtet haben, woraus diese ist oder wo sie hergestellt wurde. Sie haben sich dann etwas mehr mit dem Thema auseinandergesetzt und schnell festgestellt, dass es fast keine Marke gab, die ihren Design- und Preisvorstellungen entsprach. Und so entstand dann letzten Endes die Idee zu erlich textil.

Wie setzt sich euer Kern-Team zusammen und wie habt ihr zueinander gefunden? Wie sieht ein normaler Arbeitsalltag bei euch aus?

Miriam: Unser Kern-Team umfasst mittlerweile die beiden Gründer Sarah und Benjamin sowie insgesamt vier Festangestellte im Marketing und in der Kreation. Im Team sind momentan außerdem noch insgesamt fünf Praktikant*innen & Werkstudent*innen.

Benni und Sarah haben sich über ihren alten, gemeinsamen Arbeitgeber KERBHOLZ kennengelernt. Mit den KERBHÖLZERN teilen wir uns übrigens immer noch ein Büro und sind eine mittlerweile recht große Startup-Familie.

Einen ganz normalen Arbeitstag gibt es bei uns selten. Aber üblicherweise startet jeder Tag mit dem stärksten Kaffee der Welt – den kocht übrigens Benjamin. Dann folgen E-Mails, Meetings, mal mehr und mal weniger Chaos, gemeinsames Mittagessen mit den KERBHÖLZERN, dienstags gibt es Yoga...

Wo werden eure Produkte hergestellt? Und wie schafft ihr es, faire Arbeitsbedingungen zu gewährleisten?

Miriam: Wir lassen zu 100% in Europa produzieren. Das hält die Transportwege kurz und verringert im Vergleich zum herkömmlichen Industrievorgehen die CO2-Belastung erheblich.

Gestartet sind wir mit den Gebr. Conzelmann in Albstadt, ein traditionsreiches Unternehmen, das bereits seit den 1920er Jahren Unterwäsche produziert. Die Hauptnäherei der Gebr. Conzelmann, in der der Großteil unserer Wäsche genäht wird (nach dem Stricken, Färben und Zuschneiden in Albstadt) befindet sich in Rumänien. Das Unternehmen ist GOTS zertifiziert und wird regelmäßig von unabhängigen Auditoren kontrolliert.

Darüber hinaus entstehen kleine Teilbereiche der Kollektion im süddeutschen Raum Kempten und Heubach, aber mittlerweile auch in Portugal (z.B. unsere Heimtextilien). Bevor wir mit der Zusammenarbeit starteten, machten wir uns selbst ein Bild vor Ort und wählten unsere Produzenten nach bestimmten Kriterien aus, wie z.B. der Zahlung von existenzsichernden Löhnen. 

Wie schafft ihr es, ökologisch nachhaltig zu produzieren? Welche Materialien verwendet ihr und nach welchen Kriterien wählt ihr diese aus?

Miriam: Im Vordergrund steht sowohl die Gewinnung der Faser (also möglichst umweltschonend) als auch Qualität, Tragekomfort und die Langlebigkeit der fertigen Teile. Bevor wir ein Material in unseren Produkten verarbeiten, schauen wir also genau hin und checken die Ökobilanz im Hinblick auf Ressourcen- und Energieaufwand sowie mögliche Umweltbelastungen im Herstellungsprozess. Am häufigsten nutzen wir Naturfasern pflanzlichen Ursprungs (Baumwolle, Modal, EVO) - wenn Kunstfaser, dann nur in recycelter Form (Q-Nova, Econyl) – die feine Spitze oder Bademoden könnten wir aus Baumwollgarn nicht herstellen und da wäre es schade drum.

Mittlerweile haben wir es geschafft, all unsere Baumwoll-Textilien mit Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau herstellen zu lassen. Das macht uns sehr stolz und wir sind froh unseren Kund*innen eine nachhaltige Alternative zu konventioneller Baumwolle anbieten zu können.

Diese Materialien sind momentan bei uns im Einsatz:

  • Baumwolle (kbA) (Garn aus Indien, Strickerei/Weberei Albstadt bzw. Portugal)
  • Lenzing Modal & Micromodal (Faser aus Österreich, Garn und Strickerei Türkei)
  • Leinen (Anbau und Garn aus Europa je nach Verfügbarkeit, Weberei Portugal)
  • recycelte Kunstfasern Q-Nova (Spitze) (Italien, Portugal) & Econyl (Bademode) (Italien, Portugal)
  • EVO Garn (Feinstrümpfe) (Italien)

Die Textilindustrie boomt heutzutage. Gerade unter den »Fast Fashion« Modeunternehmen herrscht ein starker Konkurrenzdruck. Wie schafft ihr es, euch auf dem Markt zu halten?

Miriam: Was die »Fast Fashion« Unternehmen machen, interessiert uns eigentlich nur am Rande. Die können sich gerne die Köpfe einrennen (hehe).

Wir wissen, dass wir mit der Gründung unseres Unternehmens einen richtigen und wichtigen Schritt in eine nachhaltigere Welt hinzu bewusstem Konsum gemacht haben und darauf konzentrieren wir uns. Wir wollen Teil der Lösung, nicht des Problems sein. Deshalb gehört es für uns zum Selbstverständnis, ökologisch und sozial verträgliche Produkte herzustellen.

Uns ist es außerdem wichtig, dass wir in einem ständigen Dialog mit unseren Kund*innen stehen, um Produkte zu schaffen, die auch wirklich gebraucht werden. Deswegen machen wir regelmäßig Umfragen, um herauszufinden, welche Produkte oder Farben sich die Kund*innen noch wünschen.

Im Online-Versandhandel fällt ja stets viel Verpackungsmüll an. Wie geht ihr mit dieser ökologischen Belastung um? Welche nachhaltigen Verpackungslösungen bietet ihr in eurem Online Shop an? 

Miriam: Wir sind uns dessen sehr bewusst. Wir würden gern behaupten können, dass wir komplett auf Plastikverpackungen verzichten würden – aus hygienischen Gründen geht das leider nicht. Und letztlich ist es (leider noch) eine Kostenfrage. Deshalb nutzen wir aktuell recyceltes LDPE für unsere Tüten, arbeiten aber an einer Cradle-to-Cradle Lösung. Wir können leider noch nicht sagen, wie lange das dauern wird. Für unsere Versandkartons kommen Verpackungen aus umweltschonender Wellpappe zum Einsatz.

Wie könnt ihr nachhaltige Mode, die ja eigentlich meist sehr teuer ist, gleichzeitig zu fairen Preisen anbieten? 

Miriam: Die gleiche Frage stellten wir uns zu Anfang auch. Die Antwort ist aber eigentlich ganz simpel: Bei den meisten Markenherstellern bezahlen Kund*innen Dinge mit, die sie eigentlich gar nicht haben wollen, wie z.B. Lizenzhalter, Einzelhändler, den Vertrieb.

Deshalb haben wir uns für ein »Online-Only«-Konzept entschieden. Wir kalkulieren ohne große Zwischenmargen, da unsere Produkte direkt aus der Fertigung zum Endkonsumenten verschickt werden. So können wir beides garantieren: Hohe Qualität zu einem fairen Preis.  Nachhaltige Mode soll kein Luxusgut sein. Wir möchten es den Menschen so einfach wie möglich machen auf nachhaltige Alternativen umzusteigen.

Wie wird sich das Thema »Nachhaltige Mode« eurer Meinung nach zukünftig weiterentwickeln?

Miriam: So wie es für uns seit Jahren immer wichtiger ist, was wir essen, welche Kosmetik wir benutzen und wie wir uns nachhaltig fortbewegen können, rückt auch das Thema Kleidung immer weiter in den Fokus. Menschen wollen wissen, was sie auf der Haut tragen, wo die Sachen herkommen und wer sie produziert hat. Und das ist eine tolle Entwicklung. Wir sind stolz, eine nachhaltige Alternative auf dem Markt anbieten zu können und damit unseren Beitrag zu bewusstem Konsum zu leisten. Auch wenn der Anteil fairer Labels am Gesamtmarkt noch überschaubar ist, ist es erstaunlich, wie viele kleine Marken und »Changemakers« momentan aus dem Boden sprießen. Da ist also viel Bewegung drin!

Nichtsdestotrotz muss sich grundlegend etwas in der Branche ändern. Wir sind langsam an einem Peak angekommen, wo Ressourcen immer knapper und die Preise immer niedriger werden. Kollektionen wechseln im Minutentakt. Wir leben im textilen Überfluss. Dieser Spirale muss ein Ende gesetzt werden und es braucht einen Wandel bei den großen Unternehmen, die bewusst mit gutem Beispiel vorangehen. Nicht nur aus Marketingzwecken, sondern einfach, weil es die bessere Entscheidung ist – für uns und die Umwelt.

Was sind eure Pläne für die Zukunft? In welche Richtung möchtet ihr erlich in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Miriam: Wir haben für die nahe Zukunft sehr viele, spannende Produkt Launches anstehen und an weiteren Ideen mangelt es uns definitiv nicht! Unser großes Ziel mit erlich textil ist aber natürlich nicht nur weiterhin fair produzierte, gute Produkte zu schaffen, sondern vor allem auch als Unternehmen aktiv den Wandel in der Modebranche mitzugestalten und voranzutreiben. Wir haben noch vieles vor und freuen uns auf die nächsten Jahre! 

Du möchstest mal in die Kollektionen von erlich reinschnuppern? Dann geht es hier zur Website von erlich textil.


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