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Interview mit sustainabill

Nachhaltige Lieferketten: »Schmutzige Unternehmen werden sich zukünftig nicht mehr verstecken können.«

von Charlotte Clarke, 21. März 2019 07:09
Unter welchen Bedingungen wurden eigentlich die Rohstoffe für das Produkt erzeugt, das ich gekauft habe? Diese Frage stellen sich nicht nur Verbraucher*innen - auch für Unternehmen werden detaillierte und verlässliche Informationen dazu immer wichtiger. Das Kölner Startup sustainabill schafft mit seiner innovativen digitalen Plattform mehr Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Produkten und stärkt die Kooperation zwischen Rohstofflieferanten und Herstellern. Erfahrt im Interview mit Gründungsteam-Mitglied Klaus Wiesen mehr über die Mission von sustainabill.

Mit sustainabill sollen Unternehmen dabei unterstützt werden, ökologisch und sozial verantwortungsvolle Management-Entscheidungen zu treffen. Wie genau funktioniert das Prinzip?

Klaus Wiesen: Ein Schlüssel für eine wirklich nachhaltige Ausrichtung des Unternehmens liegt in der nachhaltigen Beschaffung. Nur wenn bekannt ist, wie nachhaltig die Rohstoffe abgebaut und wie nachhaltig die Produktbestandteile hergestellt werden, kann ich als Unternehmen Verbesserungen herbeiführen. Daher helfen wir Unternehmen mit unserer Cloud Plattform genau dabei – die Lieferkette bis zur Quelle aufzudecken und zu bewerten.

Wie genau ist die Idee für sustainabill entstanden?

Wiesen: Ich habe viele Jahre beim Wuppertal Institut in der Nachhaltigkeitsbewertung geforscht. Die meisten Produkt-Ökobilanzen zeigen, dass ein Großteil der Umweltauswirkungen und sozialen Probleme in der tieferen Lieferkette liegen. Doch genau diese war den Unternehmen eigentlich immer unbekannt. Es fehlte an Daten, um eine belastbare Bewertung durchzuführen. Aber auch als Verbraucher waren transparente Lieferketten für mich schon immer ein Thema. Ich möchte genau wissen, wie das Produkt hergestellt wurde, das ich einkaufe.

An welchen Stellen bestehen derzeit in Bezug auf die Nachverfolgung von Lieferketten die größten Lücken und wie trägt sustainabill zu ihrer Schließung bei?

Wiesen: Grundsätzlich funktioniert unsere Plattform in allen Industrien. Wir sind immer wieder überrascht, wie wenig Produzenten über ihre Lieferkette wissen. Zwei Drittel der Unternehmen kennen ihre Lieferkette gar nicht oder unzureichend. Die wichtigsten Branchen sind Lebensmittel und Textil. Hier ist das Interesse oft getrieben durch die Konsument*innen, die immer mehr über ihre Produkte wissen wollen. Aber auch in der Automobilindustrie wächst das Interesse an Transparenz, um Risiken wie Rohstoffknappheit oder Lieferausfälle besser managen zu können.

Nach welchen Kriterien werden Lieferanten bewertet und wie wird deren Einhaltung kontrolliert? Woher kommen die Daten?

Wiesen: Es gibt bereits verschieden Ranking Plattformen, um Lieferanten zu bewerten. Uns geht es zunächst darum, die für belastbare Bewertungen notwendigen Informationen bereitzustellen. Damit lassen sich dann verschiedene Methoden zur Bewertung anwenden, von einfachen Rankings und Vergleichen bis hin zu wissenschaftlich basierten Footprints. Die Daten stammen aus Selbstauskünften von den Lieferanten und Vorlieferanten. Wir setzen in erster Linie auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Käufern und Lieferanten. Wir können die Daten aber durch Technologien validieren, etwa durch Plausibilitätschecks oder durch Satelliteninformationen. Und natürlich bilden die Selbstauskünfte der Vorlieferanten die Basis, damit sich Käufer vor Ort einen Überblick über die Zustände verschaffen können.

Für welche Kundengruppe bzw. Branchen kommt sustainabill in Frage? Ist es möglich, mit Hilfe von sustainabill auch "Lieferanten" von Dienstleistungen (z.B. Versicherungen oder Banken) hinsichtlich ihres sozial-ökologischen Impacts zu bewerten?

Wiesen: Die Bewertung von Dienstleistungen funktioniert theoretisch, ist aber erst einmal nicht im Fokus.

Der Megatrend Digitalisierung wird im Kontext der Nachhaltigkeit kontrovers diskutiert. Wo siehst du bei der Anwendung von digitalen Technologien die größten Potenziale und Risiken für einen sozial-ökologischen Wandel?

Wiesen: Der Megatrend der Digitalisierung bringt sicher auch Gefahren, allen voran das Thema Datenschutz für Verbraucher*innen. Für die Industrie sehe ich aber ein enormes Potenzial für den sozial-ökologischen Wandel. Schmutzige Unternehmen werden sich zukünftig nicht mehr verstecken können. Wenn ein Unternehmen seine Mitarbeiter*innen schlecht behandelt, dann wird das auf kurz oder lang über soziale Medien an die Öffentlichkeit kommen. Wer Wald rodet oder Flüsse verschmutzt, dem lässt sich über Satellitendaten schnell auf die Schliche kommen. Und die großen Marken werden mehr Verantwortung für ihre Zulieferer übernehmen, damit solche Missstände behoben werden wenn bekannt ist, welche Lieferanten alle an ihrer Zuliefererkette beteiligt sind.

Inwiefern kann der direkte Dialog zwischen Herstellern und Lieferanten aus deiner Sicht zur Förderung kooperativer Strukturen im Sinne von gemeinsamer Verantwortungsübernahme führen?

Wiesen: Der direkte Dialog ist immer der erste Schritt. Von den meisten Maßnahmen profitieren beide gleich – Hersteller und Lieferant. Nur ein Beispiel: Sind die Arbeiter*innen zufriedener, hat das positiven Einfluss auf die Produktivität und kann langfristig die Produktionskosten senken.

Wie setzt sich euer Team zusammen und wie kann angesichts des anstrengenden Gründer-Alltags positive Teamdynamik geschaffen werden?

Wiesen: Natürlich ist der Gründer-Alltag anstrengend, aber eben auch unheimlich spannend. Wir bewegen uns in einem hoch innovativen Bereich. Hier lernt man jeden Tag etwas Neues.

Wir bringen unser Produkt als Team voran, und jeder trägt etwas dazu bei. Dabei arbeiten wir interdisziplinär, unser Team besteht aus Software-Entwicklern und aus Nachhaltigkeitsexperten.

Für eine positive Dynamik sorgt außerdem, dass Rückfragen und Probleme schnell geklärt werden können. Wir haben flache Hierarchien und keiner muss mit einem Problem alleine fertig werden, wenn es Stolpersteine geben sollte.

Was sind die größten Herausforderungen, welche digitale Startups zu Beginn bewältigen müssen?

Wiesen: Zu den größten Herausforderungen zählt neben der Finanzierung, ein gutes Team zusammenzustellen, das Kundenproblem genau zu verstehen und den Marktbedarf abzuschätzen.

Was sind eure Pläne für die Zukunft? In welche Richtung möchtet ihr sustainabill in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Wiesen: Sicher wachsen Unternehmen mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell nicht ganz so schnell wie Startups, die sich in klassischen Geschäftsfeldern bewegen. Dennoch haben wir hochgesteckte Ziele, indem wir die führende Plattform für nachhaltigkeitsbezogene Lieferkettendaten werden wollen. Der kürzliche Einstieg der GLS Bank ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Hier geht’s zur sustainabill-Website.


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