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Interview mit Unterwasserfotograf Mike Sünder

Naturfotografie - wenn das Hobby zur Berufung wird: »Folgt und hört auf euer Herz«

von Robert Franzen, 12. September 2019 08:14
Jeden Tag seinen Traum leben und seiner Berufung nachgehen. Mike hat geschafft, wovon viele nur Träumen - und ist als Unterwasserfotograf an den schönsten Orten der Welt unterwegs. Sein Antrieb: Den Menschen die Schönheit und die Verletzlichkeit unserer Meeres-Ökosysteme vor Augen führen. Im Interview hat Mike uns seine ganz persönliche Geschichte erzählt.

Als Fotograf bist du in Südostasien unterwegs und fotografierst die dortige Unterwasserwelt. Wie bist du darauf gekommen, genau dorthin zu reisen?

Mike Sünder: Angefangen hat die Reise in die Unterwasserwelt 2014, als meine damalige Partnerin mich das erste Mal mit nach Thailand genommen hat und ich dort meinen Tauchschein gemacht habe. Seitdem bin ich in diesen Teil der Welt verliebt. Die Wassertemperaturen liegen bei angenehmen 26 bis 30 Grad und die Vielfalt an Lebewesen in diesen warmen Gewässern ist unvergleichlich. Südostasien ist einfach ganz anders als Europa, alles ist viel weniger strukturiert, aber dafür sind die Menschen umso freundlicher, sie gehen mit offenen Armen und Augen durch den Alltag und das schätze ich sehr. Ich habe so unglaublich viele Situationen erlebt, in denen ein einzelnes Foto von mir Diskussionen angeregt hat, Menschen bewegt hat, ihren Träumen nachzugehen oder über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Es gibt ein viel deutlicheres Wir-Gefühl als in Europa, wo jede*r ein*e Einzelkämpfer*in ist. Dazu kommen das dauerhaft warme Klima und mit das beste Essen, das es neben dem Indischen gibt. Ein perfektes Zusammenspiel also.

Ist die Fotografie dein Hobby, dein Beruf oder vielleicht sogar beides? Wie und wo hast du dein Handwerk gelernt?

Mike: Ehrlich gesagt war Fotografie vor meiner Taucherfahrung noch nicht wirklich relevant für mich. Das Medium meiner Wahl war immer Video, weil ich dachte, dass bewegte Bilder auch gleichzeitig mehr Emotionen und Fokus beim Betrachter erzeugen. Den ersten Kontakt mit der Fotografie hatte ich ein Jahr nach meinem Tauchschein. Im Komodo Nationalpark versuchte ich mich zum erste Mal an Fotos Unterwasser. Mein dortiger Diveguide Adi war so begeistert von meinen ersten Versuchen, dass genau dieser Trip die Grundlage für meine heutige Berufung war. Schon für den nächsten Urlaub erweiterte ich mein Kamera-Equipment um einen Blitz und ab da standen mir alle Möglichkeiten offen. Ich habe gelernt, dass durch Fotografie mit verschiedenen Arten der Beleuchtung unglaublich unterschiedliche und ausdrucksstarke Bilder und Geschichten erzeugt werden können. Anschließend habe ich zwei Jahre geübt, mir im Internet Tutorials, Erklärungen und viele, viele Bilder angesehen. Ich habe immer wieder mit den Unterwasserfotograf*innen der Tauchschule geredet, in der ich meinen Divemaster Kurs gemacht habe und mir alles an Techniken selbst beigebracht. Ich habe mich getraut, meinen Träumen und meinem Herzen nachzugehen und dadurch unglaublich viel gelernt. Und ich glaube, gerade dadurch habe ich meinen eigenen Stil entwickelt. Schlussendlich habe ich mich dazu entschlossen, mein Hobby zu meinem Beruf zu machen – und es hat geklappt!

Du fotografierst vor allem exotische Meeresbewohner. Was fasziniert dich so an diesem Motiv und wie hast du diese für dich entdeckt?

Mike: Mein Interesse an der Tierwelt bestand schon seit Kindertagen und angefeuert wurde dieses Interesse dann über die Jahre vor allem durch BBC Earth-Produktionen wie »Unsere Erde« oder »Unsere Ozeane«. Wenn ich unter Wasser bin, dann steht mir eine komplett eigene Welt voller Möglichkeiten und Interaktionen mit den dort heimischen Lebewesen offen - nicht vergleichbar mit Interaktionen an Land. Es kann beispielsweise vorkommen, dass mein Tauchgang startet, ich zuerst ein paar scheue Riffhaie beobachte, dann schwimme ich durch mehrere tausend starke Fischschwärme, begegne einem Oktopus und verweile bei diesem für ein paar Minuten, bis eine vorbei schwimmende Schildkröte meine Aufmerksamkeit erfasst und wenn ich viel Glück habe, schwimmt auch noch ein fünf Meter langer Walhai vorbei. Jeder Tauchgang ist anders und es gibt dort unten so unfassbar viel Schönheit und Anmut. Und genau diese Welt möchte ich den Menschen zeigen, denn sie ist wichtig für den gesamten Planeten und muss geschützt werden.

Bei Kunstwerken fragt man sich ja oft, was dahinter stecken mag. Gibt es etwas, dass du mit deinen Bildern aussagen oder auslösen möchtest?

Mike: Von allen Tieren, denen ich bisher begegnen durfte, ist der Mantarochen mein dauerhaftes Highlight. Diese unglaublich intelligenten Wesen sind so elegant und wundervoll, ich könnte ohne zu übertreiben jeden Tag mit diesen Wesen verbringen und ihnen bei ihren Tänzen zuschauen. Und genau diese bis zu sieben Meter in Spannweite großen Tiere sind unglaublich gefährdet in der heutigen Zeit. Es fängt an beim Industriellen Fischfang, über gezielte Fänge, um Ihnen die Flossen bei lebendigem Leibe abzuschneiden bis hin zu Mikroplastik, welches mit ihrer Hauptnahrung Plankton aufgenommen wird. Ich möchte mit meinen Bildern zeigen, dass es sich lohnt, diese Wesen zu schützen und Acht zu geben, was wir durch unsere alltäglichen Entscheidungen mit diesem Planeten tun. Ich möchte den Menschen da draußen zeigen, dass es sich lohnt, seinen Müll rechtmäßig zu entsorgen, bei der eigenen Ernährung darauf zu achten, etwas nachhaltiger zu Leben und keinen industriellen Fischfang zu unterstützen. Mit jeder einzelnen Person, in der ich nur eine Kleinigkeit bewegen und verändern kann, möchte ich meinen Beitrag leisten, diesen wundervollen Planeten auch für nachkommende Generationen zu erhalten.

Gerade in Südostasien ist der Massentourismus in den letzten Jahren enorm angestiegen. Dieser ist natürlich gar nicht gut für die Umwelt und begünstigt das Artensterben nicht nur in Asien, sondern auch auf der ganzen Welt. Was sind deine Gedanken zu diesem Thema als jemand, der in Südostasien lebt und täglich in ein (so schönes) Biotop eintaucht, welches akut bedroht ist?

Mike: Jedes Mal, wenn ich mit meiner Kamera abtauche, erfreue ich mich daran, dass mittlerweile eine so große Anzahl an Menschen ein Interesse am Tauchen und Schnorcheln entwickelt hat. Erfahrungen sind meiner Meinung nach die beste Bildung. Aber ebenso fällt mir auf, dass selbst Nationalparks, die zwei Bootsstunden auf dem offenen Meer sind, mittlerweile nicht mehr von den Umweltsünden der Menschheit verschont bleiben. In einem Wort: »Plastik«. Plastik ist der größte Feind aller Lebewesen. Es baut sich erst viele, viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte nach Benutzung ab. Vor allem Plastiktüten, die wir nur für 15 Minuten benutzen, landen dann in einem Kreislauf, in dem sie erst in 10 bis 20 Jahren einigermaßen zersetzt wurden. Es wird mittlerweile davon ausgegangen, dass Kunststoffe sich im Meer niemals vollständig zersetzen, sondern lediglich immer kleiner zerrieben werden. Eine Plastikflasche zum Beispiel, wir trinken daran eine knappe Stunde und das Meer benötigt 450 Jahre, um dagegen anzukämpfen. Das ist einfach keine Relation, mit der wir guten Gewissens leben können.

Aber dafür, dass vor allem der Massentourismus in Asien einen großen Teil dazu beiträgt, dass die Umwelt in immer schwierigeren Situationen steckt, so trägt er auch dazu bei, dass sich Dinge verändern. Und genau da greift der Massentourismus: Durch Menschen, die aus allen Ecken der Welt kommen, kommen auch andere Perspektiven und Ideen in das Land. Die Insel Bali in Indonesien ist beispielsweise mittlerweile frei von Einwegplastik-Produkten wie Tüten oder Strohhalme. Das ist ein längst überfälliger Schritt, aber ein gutes und notwendiges Beispiel für andere Länder. Wenn die sogenannten »Dritte-Welt-Länder« es schaffen, warum fällt es uns dann so schwer?

Was müsste sich deiner Meinung nach ändern, damit man dieses Problem in den Griff bekommt? Glaubst du, dass deine Bilder (bzw. Fotografie im Allgemeinen) da einen Beitrag leisten können/kann?

Mike: Es gibt zwei gleich wichtige Aspekte, aufgrund derer ich Unterwasserfotograf geworden bin. Zum einen bin ich unglaublich gerne unter Wasser und habe diese Welt vollständig in mein Herz geschlossen, ich möchte Dinge erleben, Tiere sehen, mit Ihnen interagieren, mich verzaubern lassen. Ich möchte verstehen, wie diese ganz eigene Welt funktioniert und wie ich ihr dabei helfen kann.

Ich möchte aber auch aufzeigen, dass all diese Tiere einerseits überhaupt nicht gefährlich sind - ganz im Gegenteil zu dem Image, welches die Filmindustrie und die Medien aufgebaut haben - und andererseits auf unsere Hilfe angewiesen sind. Jedes Foto von mir, das einen Menschen dazu bringt, über sein Verhalten nachzudenken, ist für mich ein voller Erfolg. Jedes noch so kleine bisschen an Veränderung zum Wohle unseres Planeten ist es Wert, all meine Zeit und mein Herz dafür zu investieren. Ich bin der Überzeugung, dass wir gemeinsam in der Lage sind, unseren Planeten zu retten! Es ist noch nicht zu spät. Wir leben in einer Zeit, in der wir gerade entscheiden, wie es mit der Erde weitergeht. Machen wir so weiter wie bisher, produzieren wir Plastik, Fleisch, Benzin und Strom, ohne an die Konsequenzen zu denken? Oder verzichten wir vielleicht ab und zu auf unser Steak, unseren Fisch, unsere Einweg Plastiktüte? Es sind die kleinen Entscheidungen, jeden einzelnen Tag, von jeder einzelnen Person, die darüber entscheiden, wie es jetzt weitergeht. Natürlich haben auch die Regierungen Ihren Teil beizutragen, aber wenn das Individuum nicht einsieht, etwas zu verändern, wird sich nichts verändern.

Hast du schon einen Plan für die Zukunft? 

Mike: Ja und Nein. Ich habe eine Liste voll mit Ländern, Orten und Tieren, die ich gerne sehen und fotografieren möchte, über die ich Geschichten erzählen möchte. Schöne Orte wie das Königreich von Tonga, wo Buckelwalmütter ihre Kälber mit Liebe und Zuneigung aufziehen bis hin zu Orten, in denen der Haifischflossenfang Überhand nimmt. Ich habe erst vor einem Monat in ein neues Kamerasystem investiert und ich hoffe, dass mir dies viele neue Möglichkeiten gibt, meine Überzeugung auf andere Menschen zu übertragen. Ich bin im kommenden Herbst auf Nusa Lembongan, einer Insel nahe Bali. Sie ist durch die enorme Plastikverschmutzung genau dort, wo die ansässigen Riffmantas auf Futtersuche sind, schon öfters in die Schlagzeilen gekommen. Ein Zustand, der so nicht mehr hinnehmbar ist. Anschließend geht es zurück nach Thailand. Was danach kommt, das wird sich zeigen. Mexiko oder die Malediven sind momentan für mich interessant, aber nur solange es eine vielfältige Unterwasserwelt gibt und Tiere, die verzweifelt nach einer Stimme suchen sehe ich es als meine Aufgabe ihre Geschichte zu erzählen.

Wenn man sich deine Bilder anschaut sieht man, dass du deine Leidenschaft gefunden hast. Hättest du vielleicht zum Schluss noch Tipps, wie man seine seine eigene Berufung entdecken und verfolgen kann?

Mike: Folgt und hört auf euer Herz. Auch wenn ein Ziel unwahrscheinlich oder gar unmöglich erscheint, steckt all eure Energie hinein und ihr könnt dieses Ziel erreichen!

Wenn mir vor 2 Jahren jemand gesagt hätte ich werde bald Unterwasserfotograf, dann hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Und jetzt stehe ich an genau diesem Punkt und bin unglaublich dankbar für alles, was mir widerfahren ist - für die Unterstützung und Geduld meiner Mutter sowie meines besten Freundes. Vor nicht allzu langer Zeit sagte er zu mir »Geh nach Asien und stell dich vor als »Mike – Unterwasserfotograf« und wenn du es dir selbst glaubst, werden andere es dir auch glauben.« Und so hat es tatsächlich angefangen.

Also geht hinaus in die Welt und seid das, was ihr gerne sein wollt - und irgendwann werdet ihr genau zu dem, was ihr immer werden wolltet.

Zum Schluss: Wo kann man deine Bilder denn bestaunen?

Mike: Meine Website wird gerade überarbeitet, aber auf Instagram unter dem Namen  MS.Photography_lovetheocean sind meine persönlichen Highlights mit kleinen Entstehungsgeschichten und Fakten zu den Lebewesen zu finden. Bei Fragen bin ich auch jederzeit über diesen Kanal erreichbar.

Viel Spaß damit und vielen Dank!


Über Mike Sünder:

Mike ist seit 2018 ein professioneller Unterwasserfotograf und immer auf der Suche nach wunderschönen und bewegenden Geschichten, um sie mit der Welt zu teilen. Sein Antrieb ist die Aufklärung über aktuelle Verhältnisse im Zusammenhang mit der Unterwasserwelt und seine Liebe zu allen Lebewesen auf diesem Planeten. »Bis keine Haie mehr abgeschlachtet werden und unsere Ozeane endlich den Schutz bekommen, den sie verdienen und benötigen.« Seine Inspiration schöpft er vor allem aus der Arbeit von Paul Nicklen und Shawn Heinrichs, bekannten Gesichtern im Tierschutz. Mike kommt aus dem Kölner Umkreis, aber nennt mittlerweile Südost-Asien seine zweite Heimat.


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