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© Das Geld hängt an den Bäumen gGmbH
Impact Startups

Getränkehersteller »Das Geld hängt an den Bäumen« schafft mit vergessenen Obstbäumen Arbeitsplätze für vergessene Menschen: »Wir lassen uns generell bei allem etwas mehr Zeit als andere.«

von Charlotte Clarke, 28. Juni 2021 08:15
Was für ein Saftladen! Das Obst für die Schorlen von »Das Geld hängt an den Bäumen« stammt von ungenutzten Streuobstwiesen – so fördert das Unternehmen die Artenvielfalt und schafft sichere und wertschätzende Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap, die es auf dem Arbeitsmarkt normalerweise schwer haben. Mehr darüber, wie sinnvolle Arbeit bislang von der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen verändert und über die Herausforderungen beim Aufbau eines sozialen Unternehmens erfährst du im Interview mit Geschäftsführerin Nancy Menk.

Euer Unternehmen Das Geld hängt an den Bäumen produziert Saftschorlen – das Produkt klingt erst einmal nicht allzu ungewöhnlich. Der Weg, wie das Obst in die Flasche kommt, ist allerdings äußerst unkonventionell. Was macht ihr anders als andere Getränkeproduzent*innen?

Nancy Menk: Wir arbeiten in erster Linie nachhaltig, d.h. ökologisch nachhaltig, indem wir vergessene Ressourcen verwenden: Obst, das an den Bäumen hängt oder auf den Wiesen liegen bleibt. Sozial nachhaltig, indem wir Menschen mit Behinderung beschäftigen, und ökonomisch nachhaltig, indem wir den Großteil der Kosten aus den Einnahmen des Zweckbetriebs decken. So sind wir kein »normales« Getränkeunternehmen, sondern ein sozialer Saftladen.


Welche positiven Veränderungen beobachtet ihr bei den Menschen, die bei euch eine Arbeit finden? Welche Barrieren hindern Menschen aus sozialen Randgruppen oftmals daran, im sog. »ersten Arbeitsmarkt« Fuß zu fassen und ihre Stärken und Talente einzusetzen?

Nancy: Wir lassen uns generell bei allem etwas mehr Zeit als andere, und so nehmen wir uns auch die Zeit herauszufinden, welche Stärken und Fertigkeiten unsere Angestellten mitbringen. Wir möchten alle nach ihren Möglichkeiten fördern und herausfordern, ohne zu überfordern. Und so entwickelt sich langsam ganz viel Selbstvertrauen bei den Menschen, die hier arbeiten. Viele Menschen mit Behinderungen fühlen sich permanent wie Außenseiter*innen und werden meistens auch so behandelt in unserer Gesellschaft – und auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt also einerseits Barrieren auf Seiten der Firmen, die sich schwertun, ihre Abläufe entsprechend anzupassen. Und auch auf Seiten der Menschen aus sozialen Randgruppen, deren Mut und Zuversicht immer weiter sinken, je länger sie sich als Außenseiter*in ausgeschlossen fühlen – und es auch sind.

© Das Geld hängt an den Bäumen gGmbH
Wir sehen bei vielen unserer Mitarbeitenden große Fortschritte. Ein Beispiel: René war wohnungslos und total down. Er hat über uns einen Arbeitsplatz gefunden und konnte sogar auf einem von uns gepachteten Obsthof einziehen. Am Anfang fehlte er häufiger mal bei der Arbeit. Dann hat er durch die Regelmäßigkeit bei uns ein soziales Gefüge bekommen und Kraft getankt. Mittlerweile ist er einer unserer zuverlässigsten Kollegen.


Woher genau bezieht ihr das Obst für eure Produkte? Kann jeder Privatmensch in der Region mit Obstbäumen im eigenen Garten diese zur Verfügung stellen?

Nancy: Wir nutzen Obst von Streuobstwiesen, die z.B. als Ausgleichsmaßnahmen bei Bauvorhaben angelegt werden, von Konversionsflächen und aus privaten Gärten. Es kann sich jede*r melden, und wir versuchen, es in die Ernte einzuplanen. Da wir allerdings ein kleines Team sind und unsere Kapazitäten sehr gut bündeln müssen, können wir nicht 100 km für einen Apfelbaum fahren. Wir brauchen sehr viele Äpfel und fahren meist mit größeren Gruppen raus.




Warum sind Streuobstwiesen für die Erhaltung der ökologischen Vielfalt so wichtig? Was zeichnet diese Lebensräume aus und warum gehen sie zunehmend verloren?

Nancy: Streuobstwiesen sind im Gegensatz zu den meisten Plantagen Biotope. Das heißt, hier wachsen Hochstammbäume, in denen Vögel nisten können. Sie binden Treibhausgase, indem sie nicht gefällt werden. Außerdem werden auf den Flächen zwischen den Bäumen z.B. Blühwiesen angelegt, wo wiederum Insekten und Kleintiere wohnen können. Durch historische Obstsorten, die sonst nicht gepflanzt werden, weil sie zu wenig Äpfel tragen, werden diese erhalten und erhöhen die Sortenvielfalt in der Natur.

Sie gehen verloren, weil sie im Vergleich zu Plantagen geringere Erträge erzielen. Zudem sorgt die Urbanisierung dafür, dass immer weniger Grünflächen zur Verfügung stehen.


Der Name eures Unternehmens deutet bereits an, dass wertvolle Ressourcen oftmals (in eurem Falle sogar im wörtlichen Sinne) vor der eigenen Nase hängen, ohne dass sie genutzt werden. Was war der Auslöser dafür, dass euch das Potential der »vergessenen« Obstbäume bewusst geworden ist, und wie ist daraus ein erfolgreiches Unternehmen geworden?

Nancy: Unser Gründer Jan saß vor über zehn Jahren in seinen Garten und hat die Äpfel am eigenen Baum betrachtet. Die Familie hatte schon etliche Gläser an Apfelmus eingeweckt und Saft aus den eigenen Äpfeln gepresst, und immer noch hing der Baum voll und auf der Wiese vor ihm lagen die Früchte. Und dann hat es einfach »Boom!« bei ihm gemacht. Warum nicht all dieses Obst einsammeln und Menschen dadurch eine Arbeit verschaffen, die es sonst oft schwer haben in unserer Gesellschaft, auf dem ersten Arbeitsmarkt?!

Jan ist seit seiner Jugend unternehmerisch tätig. Er hat mehrere Firmen gegründet und erfolgreich geführt. Er investiert ehrenamtlich viel Zeit und bringt so sein Wissen, Können und die vielen Jahre Erfahrung ein.


Was war in der Aufbauphase eures Unternehmens die größte Herausforderung? Gibt es eventuell Herausforderungen, die für sozial und/oder ökologisch orientierte Geschäftsmodelle (im Vergleich zum klassischen, gewinnorientierten Business) charakteristisch sind?

Nancy: Zu Beginn des Projekts war weder bei Jan noch bei seinem ersten Mitarbeiter Andreas Erfahrung im Saftbereich vorhanden, noch haben sie viel mit Menschen aus Randgruppen zu tun gehabt. Ein soziales Projekt erfordert zahlreiche Kontakte und öffentliche Bekanntheit, weil sich das Produkt nur mit der Geschichte verkauft. Es ist zudem eine große Herausforderung, viele sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichsten Einschränkungen in einen gut funktionierenden Arbeitsablauf einzustimmen. Es braucht Zeit und Geduld, und äußere Umstände können schnell zu einer Instabilität der Mitarbeitenden führen. Gleichzeitig ist unser Team noch sehr viel achtsamer miteinander, obwohl ein Großteil in der Gesellschaft eher aneckt. 

Ebenfalls eine generelle Herausforderung ist es, als gemeinnützige GmbH keine finanziellen Rücklagen bilden zu dürfen. Wir müssen besonders in schwierigen Zeiten sehr kreativ arbeiten, weil wir auf kein Polster zugreifen können. Unser Unternehmen ist derzeit fundamental auf Spenden angewiesen.

© Alina Sergiyenko



Wo kann man eure Säfte kaufen? Finde ich diese nur in Norddeutschland oder auch bundesweit?

Nancy: Wir beliefern im Direktvertrieb in der Metropolregion Hamburg. Viele Restaurants, Cafés und Bars bieten unsere Getränke an (wo und wer genau, dazu gibt es Informationen auf unserer Website). Bis dato noch etwas seltener findet sich unser Sortiment im Einzelhandel (z.B. bei Edeka in Altona) – was wir gern im nächsten Step angehen möchten. Werden unsere Produkte in weiterer Entfernung gewünscht, können wir nach Absprache größere Mengen palettenweise per Spedition anliefern lassen.


Welche Angebote habt ihr für Unternehmen, die sich gerne sozial engagieren möchten?

Nancy: Wir organisieren sogenannte »Social Days«, bei denen Mitarbeitende von Unternehmen einen Teambuilding-Tag erleben und z.B. mit uns Äpfel ernten oder Bäume pflanzen können. Viele Unternehmen bieten ihren Mitarbeitenden und Kund*innen unsere Säfte und Schorlen in der Kantine oder als Geschenk an. Wir gestalten auch individuelle Geschenkkisten und verschicken diese im Namen unserer Kund*innen. Und natürlich freuen wir uns immer über Geld-, Apfel- und Sachspenden. Ebenso können Firmen Aufträge für unser Garten- und Landschaftspflegeteam vergeben, von uns Bäume für Angestellte und Kund*innen pflanzen lassen und über uns Renaturierungsprojekte realisieren.


In welche Richtung wollt ihr
Das Geld hängt an den Bäumen in Zukunft weiterentwickeln?

Nancy: Es gibt mehrere Wege, die wir gehen können. Dies hängt von äußeren Einflüssen wie beispielsweise Corona ab sowie von unseren Kapazitäten.

Wir möchten den Vertrieb digitalisieren und einen Onlineshop aufbauen, um die durch die Pandemie veränderte Nachfrage von Endkonsument*innen kundenorientierter zu gestalten. Zudem möchten wir mittelfristig weitere Arbeitsplätze schaffen, Strukturen optimieren und an Effizienz gewinnen. Seit nunmehr über einem Jahrzehnt ist uns das Thema Klimaschutz wichtig. Es ist uns ein großes Anliegen, zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein beizutragen und mit gutem Beispiel voranzugehen – z.B. durch ein Elektroauto für den Vertrieb, mehr Biotope und Artenvielfalt sowie eigene Streuobstwiesen.

© Alina Sergiyenko
Über Nancy Menk

Nancy Menk ist seit 2015 Teil von Das Geld hängt an den Bäumen und seit Dezember 2020 Geschäftsführerin der Organisation. Ihre persönliche Mission: »Ich möchte lösungsorientiert auf Missstände aufmerksam machen und zeigen, dass jeder Mensch eine Stimme hat und es verdient, gehört zu werden. Und das auf eine leckere Art und Weise - nämlich mit Säften und Schorlen aus ungenutztem Obst von historischen Sorten.«













Du möchtest mehr erfahren? Hier geht es lang zur Webseite von Das Geld hängt an den Bäumen.



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