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Nachhaltige Unternehmen

Evolutionsmanagement für Unternehmen – Lernen von den Erfolgsprinzipien der Ökosysteme: »Das Unternehmen als lebendigen Organismus« begreifen

von Charlotte Clarke, 23. März 2021 10:13
Unternehmen und Organisationen sind keine starren Gebilde, sondern dynamische Strukturen, die sich an ihre verändernde Außenwelt anpassen müssen. Diese Ähnlichkeit mit lebenden Organismen, die sich in ihr Ökosystem einfügen, macht sich die Unternehmensberatung Evoco zunutze. Konkurrenz, Kooperation, Schwarm und Führung: Nur eine gesunde Balance dieser grundlegenden biologischen Prinzipien befähigt eine Organisation, langfristig sowohl wirtschaftlich erfolgreich als auch ökologisch nachhaltig zu sein. Geschäftsführer Dr. Klaus-Stephan Otto über seine Mission als »Evolutionsmanager«.

Evoco unterstützt Unternehmen dabei, sich nachhaltiger und gleichzeitig agiler auszurichten. Können Sie uns den Schwerpunkt und das Konzept Ihres Unternehmens kurz erklären?

Dr. Klaus-Stephan Otto: Wir arbeiten mit unserem Konzept des Evolutionsmanagements, indem wir Prozesse der Natur aus 3,8 Mrd. Jahren erfolgreicher Entwicklung des Lebens auf der Erde auf das Denken und Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft anwenden. Unsere Stärke ist es, Ansätze wie New Work, Agilität, Ökosystemvernetzung und nachhaltiges Wirtschaften in Unternehmen und Organisationen zu integrieren und damit wirtschaftlichen Erfolg und nachhaltige Entwicklung zu kombinieren. Dafür ist es essentiell, das Unternehmen als lebendigen Organismus zu begreifen und sich seine evolutionäre Entwicklungslinie anzusehen: Wo kommt es her, wo steht es jetzt, wo geht es hin?


»Evolutionsmanagement« ist ein zentrales Element der Beratung bei Evoco. Können Sie ein konkretes Beispiel aus der Praxis beschreiben, auf welcher Ebene ein Unternehmen sich ein intelligentes Prinzip aus einem Ökosystem abschauen kann?

Otto: Bleiben wir doch gleich bei dem Begriff Ökosystem. In der Natur spielen in einem lebendigen Ökosystem biotische (lebende) und abiotische (nicht lebende) Faktoren eine große Rolle. Der Salatkopf bekommt Probleme, wenn der biotische Faktor Schnecke seine Blätter abnagt. Ebenso hat der abiotische Faktor Niederschlag einen großen Einfluss auf sein Wachstum. Auch Unternehmen haben ein Ökosystem, das durch unzählige Faktoren beeinflusst wird. Bei der herkömmlichen Stakeholder-Analyse werden jedoch die biotischen und abiotischen Faktoren nicht berücksichtigt. Im Evolutionsmanagement gehen wir mit der Ökosystem-Analyse einen differenzierteren Weg, um Unternehmen zu helfen, sich in ihren volatilen Ökosystemen adäquat zu transformieren. Der Outdoorartikelhersteller Vaude spricht vom »VAUDE Ecosystem« und stellt nicht nur nachhaltige Produkte her, sondern engagiert sich für eine lebenswerte Welt und hat konsequent die Lieferkette in seinem Wirknetz in den sozialen und ökologischen Themen optimiert.


Ist diese Methode dann eher etwas für junge Unternehmen, die wortwörtlich noch in der dynamischen Entwicklung stecken oder können auch alteingesessene Firmen mit etablierten Strukturen davon profitieren? 

Otto: Es ist für jedes Unternehmen, egal wie alt, wichtig, sich regelmäßig darüber Gedanken zu machen, wo es herkommt, in welcher Situation es sich momentan befindet und wo die Reise hingehen soll. Die evolutionäre Methode arbeitet nicht mit Patentrezepten, sondern schaut, auf welcher Entwicklungsstufe das Unternehmen gerade steht und was die nächste Herausforderung ist. Das Start Up will alles anders machen, könnte aber von bewährten Prozessen profitieren. Dem gestandenen Unternehmen tut es gut, eingefahrene Prozesse in Frage zu stellen und Verkrustungen zu beseitigen. Beide werden mit unvorhergesehenen Umfeldveränderungen konfrontiert, die schnelle Anpassungen erfordern.


Wie sind Sie auf diesen Ansatz gestoßen und wurde er bereits in anderen Anwendungsfeldern erfolgreich erprobt?

Otto: Wir haben uns zuerst mit nichtlinearen Konzepten in der Physik beschäftigt, die lineares Denken überwinden. Wenn ein Unternehmen ein lebender Organismus ist, dann können wir aber vor allem aus der Biologie lernen. Je intensiver wir dann mit Biolog*innen darüber diskutiert haben, an umso mehr Punkten fanden wir, wie viele tolle Übertragungsmöglichkeiten es gibt. Daraus entwickelten wir zum Beispiel 15 Innovationswege der Natur, die in einem Automobilunternehmen zu der Innovation der Zylinderabschaltung führte, die sparsameren Kraftstoffverbrauch ermöglicht.

Das Lernen von der Natur wird in der Technik schon seit Langem von der Bionik erfolgreich praktiziert, wie es z.B. der Klettverschluss zeigt. Aber auch die Interaktion der Organismen in der Natur zeigt uns viel für die Entwicklung von Teams und Organisationen. Wenn eine Organisation wächst, braucht sie neue Strukturen. Wenn die Schlange wächst, häutet sie sich. In der Übergangsphase zur neuen Haut ist sie besonders empfindlich genau wie eine Organisation, die eine neue Struktur einführt und in dieser Zeit achtsam agieren sollte.


Mit unserer heutigen Lebensweise haben wir uns relativ weit von unserer ursprünglichen Art zu Leben entfernt, was sich ja auch nachgewiesenermaßen nicht unbedingt vorteilhaft auf unsere körperliche und psychische Gesundheit auswirkt. Wäre es deshalb nicht denkbar, Ihre Methoden auch auf andere Bereiche des Lebens auszudehnen? Wo sehen Sie in diesem Zusammenhang vielleicht besonderen Bedarf bzw. gute Anwendungschancen?

Otto: In der Natur leben die Organismen in der Regel nicht in einer Dauerbelastung. Im Winter ruhen sich die Pflanzen aus und sammeln Kräfte für den Frühling, bei Trockenheit in der Wüste reduzieren die Organismen ihren Stoffwechsel, um die Trockenheit durchzustehen. Auch für unsere Lebensweise ist es wichtig, die ständige Überforderung in Frage zu stellen und uns genügend Raum zu geben für das, was ein gutes Leben ausmacht. Der ökosystemare Ansatz hilft auch, die hohe Komplexität in der Politik mit einer anderen Sichtweise besser zu meistern.


Die zukünftige Arbeitswelt wird vermutlich von noch mehr Flexibilität, Internationalität und Produktivität geprägt sein, als sie es ohnehin schon ist. Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein bleiben da, so wie es im Moment aussieht, auf der Strecke. Könnten Sie sich vorstellen, dass solche Probleme mit Methoden des Evolutionsmanagements vermindert werden könnten, ohne der Wirtschaft allzusehr zu schaden? Wie sähe so etwas Ihrer Meinung nach aus? 

Otto: Breite Teile der Wirtschaft haben ja inzwischen erkannt, dass es nichts bringt, durch ein kurzsichtiges, auf schnelle Rendite konzentriertes Wirtschaften die Lebensgrundlagen auf der Erde und das Klima langfristig zu schädigen. Die Natur steckt voller Ideen, wie Ressourcen sparsam eingesetzt werden können. Circular Economy ist nicht eine Erfindung des Menschen, sondern das Erfolgsrezept der Natur. Wenn wir besser verstehen könnten, wie die Fotosynthese der Pflanzen funktioniert, wären alle unsere Energieprobleme preisgünstig gelöst.


Im Biologieunterricht lernen wir: Evolutionäre Anpassungsprozesse geschehen langsam, in winzigen Schritten - oft über Jahrtausende hinweg. Wie passt eben dieser Ansatz mit den hohen Anforderungen an Agilität und hochdynamischen Märkten zusammen? Ist das nicht eher widersprüchlich?

Otto: Evolutionäre Anpassung geschieht nicht immer langsam. Im Gegenteil: Evolution geschieht in der Natur zum Teil sehr schnell. Die Pharmahersteller haben große Probleme, auf die schnelle Resistenz von Bakterien auf Antibiotika zu reagieren. Das Geheimnis der Bakterien liegt in der »bakteriellen Konjugation«: Ein kurzer, intensiver Austausch von Gen-Teilen ermöglicht eine sehr schnelle Anpassung. Das Coronavirus versetzt uns in Aufregung mit seinen blitzschnellen Mutationen. Das ist keine Sache von millionen Jahren. Auch Unternehmen sollten sich so organisieren, dass durch einen effizienten Informationsaustausch innerhalb und nach außen gewährleistet wird, dass sie auf Umfeldveränderungen schnell reagieren können. Dadurch werden auch die Selbstorganisationskräfte gestärkt und die Schwarmintelligenz der Beschäftigten für die Weiterentwicklung des Unternehmens eingesetzt.


Sowohl in der klassischen Evolutionstheorie als auch in unserem neoliberalen Wirtschaftssystem steht vor allem das Prinzip der Konkurrenz im Vordergrund: Der oder die Stärkste gewinnt. Aber was ist mit Kooperation? Ist diese nicht viel eher im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung?

Otto: In der Tat haben Biolog*innen im 19. und 20. Jahrhundert die Konkurrenz und den Kampf in der Natur oft überbetont. Es sind langfristig nicht die Stärksten, die gewinnen, sondern die am besten Angepassten. Über 50% der Biomasse lebt in symbiotischen, kooperativen Beziehungen. Konkurrenz und Kooperation sind zwei Lebenskräfte, die beide wichtig sind für die evolutionäre Entwicklung. Der Komplexitätsaufbau in der Geschichte der Evolution geschieht aber vor allem durch die Weiterentwicklung der Kooperationsformen. Die vielfältigen Potentiale des menschlichen Körpers mit seinen Fähigkeiten beruhen auf der Komplexität des Zusammenspiels von milliarden Zellen mit unterschiedlichsten Aufgaben. Konkurrenz und Wettbewerb sind aber nicht an sich negativ. Je nach Situation ist eher kooperieren oder konkurrieren angesagt. Die Konkurrenz darüber, wer die nachhaltigsten Antriebssysteme von Fahrzeugen am schnellsten und wirtschaftlichsten entwickelt, hilft unserem Planeten.


Ihre Berater*innen sind alle ausgebildete »Evolutionsmanager*innen«. Wo kann man sich als solche*r ausbilden lassen und wie sieht die Ausbildung genau aus?

Otto: Seit 2007 bieten wir die Weiterbildung Evolutionsmanagement berufsbegleitend in 4 Modulen à 9 Präsenztagen an. Die Module behandeln die Themen:

  1. Evolutionsmanagement und evolutionäre Entwicklung
  2. Innovation und Neurobiologie
  3. Nachhaltigkeit und Ökosysteme und
  4. Führung und Selbstorganisation (Schwarmintelligenz).

Wir vermitteln dabei das nötige Know-how, um altbekannte Probleme auf neue Weise zu lösen, um evolutionäre Entwicklungslinien von Organisationen für Zukunftsstrategien zu nutzen und Prinzipien der Natur für Innovationsentwicklung einzusetzen. Wir befähigen die Teilnehmer*innen, Transformationsprozesse zu initiieren und nachhaltig zu begleiten und Erfolgsmodelle der Interaktion in der Natur (Konkurrenz, Kooperation, Schwarm, Führung) auf den Alltag zu übertragen. Dabei ist die Weiterbildung ein Wechsel aus informativen Inputs, praktischen Gruppenübungen, gegenseitigem Lernen zwischen den Teilnehmer*innen, Exkursionen in die Natur und einer zu bearbeitenden Projektaufgabe.


Gibt es auch Kritiker*innen, die mit dieser Art der Wirtschaftsberatung nichts anfangen können? Wie argumentieren Sie gegen diese Kritik?

Otto: Als wir diesen Ansatz in unsere Arbeit integriert haben, gab es viele Skeptiker*innen. Das Spektrum reicht von Gegner*innen der Evolutionstheorie, über Menschen, die Befürchtungen des Sozialdarwinismus haben mit seinen schrecklichen Auswüchsen im Nationalsozialismus bis zu den Menschen, die Homo sapiens als etwas ganz Besonderes ansehen, das über den sonstigen Lebewesen auf der Erde steht. Aber nur, wenn wir uns einordnen in die Vielfalt des Lebens unseres Planeten, werden wir ein wirklich nachhaltiges und enkeltaugliches Wirtschaften umsetzen können. Die dafür notwendigen Ideen entwickeln Menschen, die sich aus der Vielfalt der Natur inspirieren lassen. Die Herausforderungen von Klimawandel und Naturbewahrung lassen sich allein mit den bisherigen Kulturtechniken des Menschen nicht lösen. Wir merken inzwischen, dass der Ansatz des Evolutionsmanagements auf sehr viel breitere Akzeptanz stößt. Der einst manchmal belächelte Ansatz hat inzwischen eine viel breitere Resonanz in Unternehmen und Organisationen.


Foto © Evoco GmbH

Über Dr. Klaus-Stephan Otto

Dr. Klaus-Stephan Otto ist Diplompsychologe und Geschäftsführer der EVOCO GmbH und verfügt über mehr als 40 Jahre Erfahrung in der Begleitung von komplexen Veränderungsprozessen in Wirtschaft, Verwaltung und Non-Profit-Organisationen. Er hat den Managementansatz Evolutionsmanagement entwickelt, in dem Prozesse der Natur auf das Handeln in der Wirtschaft angewendet werden. Seine Schwerpunkte liegen in der Organisations-, Innovations- und Personalentwicklung, der Begleitung von Betriebsräten und der Steuerung von großen Projekten. Er hat mehrere Bücher geschrieben und lehrt zum Thema Evolutionsmanagement auch an Universitäten.








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