Gesellschaftliche Teilhabe und sozialer Zusammenhalt: HiMate bringt Menschen verschiedenster Hintergründe für gemeinsame Freizeitaktivitäten zusammen

Menschen mit geringem Einkommen oder Fluchterfahrungen stoßen in Punkto gesellschaftliche Teilhabe oftmals auf Barrieren, welche die Erweiterung und Pflege ihres sozialen Netzwerkes zu einer großen Herausforderung werden lassen kann. Das Social Startup HiMate möchte den Zugang zur Gesellschaft für alle Menschen gerechter gestalten und bietet eine Plattform, über die sich Menschen unabhängig von ihrem Einkommen oder kulturellem Hintergrund für gemeinsame Freizeitaktivitäten zusammenschließen können. So entstehen oftmals Freundschaften zwischen Menschen, die sich sonst niemals begegnet wären. Mehr über die Erfolgsstory von HiMate im Interview mit Gründer Thomas Noppen.
Photo by Helena Lopes on Unsplash
von Charlotte Clarke, 4. Mai 2022 07:15

Welche Mission verfolgt ihr mit eurem Projekt HiMate?

Thomas Noppen: HiMate bringt Menschen unterschiedlicher finanzieller und kultureller Hintergründe über gemeinsame Kultur- und Freizeiterlebnisse zusammen. Vielen Menschen fehlt bislang der Zugang zum kulturellen Angebot in unserer Gesellschaft, etwa aufgrund von finanziellen Einschränkungen oder weil sie erst vor kurzem nach Deutschland gekommen sind. Indem wir diesen Menschen kostenlosen Zugang zu Kultur und unserer internationalen Community ermöglichen, schaffen wir Barrieren aus dem Weg und öffnen die Gesellschaft für mehr Menschen.


Worin konkret bestehen in Bezug auf gesellschaftliche Teilhabe Barrieren für z.B. Menschen mit geringem Einkommen oder mit Migrationsgeschichte?

Thomas: Wer sich Theater, Kino oder einen Konzertbesuch nicht leisten kann, der bleibt häufig außen vor. Menschen mit eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten nehmen dadurch weniger an der Gesellschaft teil, knüpfen weniger Kontakte und sind häufiger von Einsamkeit bedroht. 

Menschen, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen sind, fehlt oft die Orientierung. Sie wissen noch nicht, wo man schnell und trotz Sprachbarriere Anschluss findet. Durch unser niederschwelliges Angebot, das alle Menschen ohne große Hürden zur Teilnahme einlädt, erleichtern wir diesen Menschen die ersten Schritte zu mehr Teilhabe.


Mögt ihr ein paar Beispiele für Aktivitäten nennen, welche die Mates gemeinsam unternehmen können?

Thomas: Unser Angebot beinhaltet alles von Konzert- über Kino- bis hin zu Theatergutscheinen. Außerdem arbeiten wir mit großen Sportvereinen wie Hertha BSC und Alba Berlin zusammen, die Tickets für Ihre Spiele bereitstellen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs arbeiten wir vermehrt auch mit Partnern zusammen, die Sachspenden bereitstellen, darunter die Second-Hand-Kette Humana. Wir nutzen hier unser Netzwerk in der Geflüchtetenhilfe, um die Angebote schnell dorthin zu bringen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.


Wie definiert ihr eure Zielgruppen? Wann bin ich »Newcomer:in«, wann »Local«?

Thomas: Newcomer:in ist grundsätzlich jede:r, der/die neu an einen Ort gezogen ist. Zur HiMate-Community zählen viele Geflüchtete, etwa aus Syrien oder Afghanistan. Locals sind Menschen, die sich »vor Ort«, etwa in Berlin, schon besser auskennen, weil sie von dort kommen oder schon seit einer Weile dort leben. Viele der Newcomer:innen, die 2015 als Geflüchtete nach Berlin kamen, sind also mittlerweile zu Locals geworden und helfen jetzt den »neuen Newcomer:innen«.


Wie finden passende Newcomer:innen und Locals zusammen? Gibt es eine Art »Matching«?

Thomas: HiMate konzentriert sich darauf, einen einladenden Rahmen für alle zu schaffen. Hierzu organisieren wir regelmäßige Community-Events. Kennenlernen müssen sich die Menschen hier aber schon selbst. Häufig läuft es dann so, dass Menschen sich auf unseren Community-Events begegnen und später gemeinsam HiMate-Gutscheine nutzen. Manchmal entstehen hier sogar Freundschaften. Falls nicht, dann ist das nächste Event meistens nicht weit.


In welchen Städten und Regionen seid ihr aktiv?

Thomas: Wir konzentrieren uns aktuell auf die Region Berlin, waren in der Vergangenheit aber auch schon in Düsseldorf, Lübeck und Leipzig aktiv. Da unsere lokalen Communities ehrenamtlich organisiert werden, fluktuiert die Aktivität hier etwas. Unsere Gutscheine bieten wir aber teilweise auch deutschlandweit an – 2019 waren wir etwa Tourpartner von »Das Lumpenpack« und haben Tickets in über 25 deutschen Städten vermittelt.


Was ist die Geschichte hinter HiMate? Wie ist die Idee zu dem Projekt entstanden und welche Menschen stehen dahinter?

Thomas: HiMate habe ich 2015, im Zuge der Ankunft vieler Geflüchteter in Deutschland, gemeinsam mit vier befreundeten Unternehmern gegründet. Die Herausforderung damals: Die große Hilfsbereitschaft aus der Zivilgesellschaft hat die Systeme vielerorts überlastet und Hilfe kam häufig nicht bei den Menschen an. So landeten etwa viele Kleider- und Sachspenden in großen Turnhallen, während viele Bedarfe weiterhin nicht gedeckt wurden. Derweil blieben Geflüchtete in den Unterkünften weitgehend von der Außenwelt isoliert.

HiMate ist damals als Gutschein-App gestartet. Die Idee: Unternehmen und Privatpersonen stellen über die HiMate-App Sachspenden ein. Geflüchtete reservieren, was sie benötigen und holen sich die Spende selbst ab. Wir haben so damals gleichzeitig ein Allokationsproblem und ein Kontaktproblem gelöst und das Angebot wurde sehr gut angenommen. Der Gedanke, die Menschen zusammenzubringen, war dabei von Beginn an Kern von HiMate (daher auch der Name) und ist es bis heute geblieben. Da sich die Situation seit 2015 stark verändert hat, haben wir unseren Fokus jedoch mittlerweile auf Kultur- und Freizeitangebote verlegt. Außerdem haben wir unsere Zielgruppen sukzessive erweitert. 


Wie finanziert ihr HiMate?

Thomas: HiMate finanziert sich derzeit vollständig über Spenden. Wir HiMate unterstützen möchte, kann auf Betterplace »SpendenMate« werden.


Gemeinnützige Projekte wie HiMate leisten einen ganz wichtigen Beitrag zum Abbau der sozialen Ungleichheit. Welche Veränderungen würdet ihr euch darüber hinaus auf politischer Ebene wünschen? Welche Hebel gibt es, damit für mehr Menschen gesellschaftliche Teilhabe selbstverständlich ist?

Thomas: Innovation im sozialen Bereich könnte noch unbürokratischer gefördert und unterstützt werden. Es gibt sehr viele Initiativen wie HiMate, die ständig neue Lösungsansätze für eine noch offenere Gesellschaft entwickeln. Nicht selten entstehen diese Initiativen aus den Zielgruppen heraus, die erreicht werden sollen. Das birgt enormes Potential für bedarfsgerechte Angebote, die einen echten Unterschied machen. Das Problem: Gerade größere Fördertöpfe, etwa auf EU-Ebene, erfordern häufig ein Maß an administrativen Aufwand, das private Initiativen ohne Vorerfahrung in der Förderlandschaft nur schwer leisten und finanzieren können.


HiMate ist Teil von
Join Impact – einem Zusammenschluss von mehreren Social Impact Projekten. Magst du uns noch kurz von diesen Projekten erzählen?

Thomas: Join Impact bringt 5 Impact Startups zusammen: Neben HiMate gehören auch die Volunteering Communities GoVolunteer und GoNature sowie die Social Startups MACHWERK und Hautfarben zu dem Verbund. 

Alle Projekte verfolgen eine gemeinsame Mission: Sie bringen Menschen vieler Hintergründe zusammen, um gemeinsam eine aktive und noch offenere Gesellschaft zu schaffen. Durch den Zusammenschluss konnten wir seit 2015 zentrale Ressourcen bündeln und so über verschiedene Ansätze unsere Mission verfolgen: HiMate bringt Menschen über Kultur im Alltag zusammen. Über GoVolunteer und GoNature begegnen sich Menschen über gemeinsames Volunteering. Mit unseren »Hautfarben«-Stiften setzen wir uns für diskriminierungsfreie frühkindliche Bildung ein. Und im MACHWERK begegnen sich jeden Tag Changemaker aus allen möglichen Bereichen, um an den Impact-Projekten von morgen zu arbeiten.



Über Thomas Noppen

Thomas Noppen ist Impact-Unternehmer sowie Gründer und Geschäftsführer der Social-Startup-Gruppe Join Impact. Seit 2015 hat er 5 erfolgreiche Sozialunternehmen aufgebaut: HiMate, eine Gutscheinplattform, die Newcomer:innen und Locals zusammenbringt, GoVolunteer, einen Marktplatz für ehrenamtliche Hilfe; GoNature, eine Community für Naturschutz; Hautfarben, ein E-Commerce-Unternehmen, das sich für diskriminierungsfreie Bildung einsetzt und MACHWERK, einen sozialen Coworking Space in Berlin. Seit 2021 baut er Nature Meet auf, einen Community-Marktplatz für nachhaltige Naturausflüge.


Neugierig geworden? Hier geht es lang zur Webseite von HiMate.



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