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Foto © Carla Schulte-Fischedick
Persönlichkeitsentwicklung

Intensive Naturerfahrungen als Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel: »In der Einfachheit des Draußen-Seins sind trockene Socken vielleicht schon genug, um das Leben zu feiern.«

von Charlotte Clarke, 23. Juli 2020 07:39
Eine Woche draußen in der Wildnis. Ohne Smartphone, nur mit dem Nötigsten im Rucksack. Die Erfahrung des Draußen-Seins war Jahrtausende lang für unsere Vorfahren ein zentraler Bestandteil der menschlichen Existenz. Unsere Natur-Entfremdung gilt als eine zentrale psychologische Ursache für unseren zerstörerischen Umgang ihr - sowie auch für viele physische und psychische Probleme. Das Institut für Naturorientierung und Lebensstil lädt dich mit den Wildnisreisen »Friluftslivs« ein zum Draußen-Sein, zur Entschleunigung und Selbsterfahrung. Wagst du dieses Abenteuer?

Das Institut für Naturorientierung und Lebensstil (INL) ist ein Verein, der ganz besondere Wildnisreisen anbietet. Hierbei geht es jedoch nicht (nur) um Erholung oder Survival Training, sondern auch um Lebensorientierung und innere Arbeit. Magst du uns eure Mission kurz erläutern?

Bijan Ghaffari-Tabrizi: Es geht uns vor allem darum, zwei zentrale Themen unserer Zeit miteinander zu verbinden: Die tiefgehenden ökologischen Krisen (allen voran der Klimawandel) sowie die innere Ausrichtung und Resilienz von Menschen inmitten von ökonomisch-gesellschaftlichen Systemen, welche Leistungsdruck, Gewalt oder Rassismus - und somit letztlich psychischen Stress produzieren. Wie können wir in unserem Umfeld und unseren Beziehungen, ebenso wie in unserem eigenen Denken, eine regenerative Kultur der Wertschätzung und des Miteinanders schaffen? Das Hinaus- (oder Hinein-)gehen in die Natur, von der auch wir ein Teil sind, ist in der menschlichen Geschichte schon immer eine wichtige Quelle für Inspiration, Klarheit und Kreativität gewesen. Das braucht es aus unserer Sicht heute ganz dringend.

Unsere westliche Kultur ist geprägt von einer zunehmenden Naturentfremdung. Wie äußert sich diese im Lebensalltag und welchen Zusammenhang siehst du mit ökologischen Krisen wie dem Klimawandel?

Bijan: Ich habe einmal auf einem (tiefenökologischen) Workshop eine Übung angeleitet, in der Menschen ihre Trauer oder Sorge um Dinge ausdrücken konnten, die in der Natur um sie verloren gegangen sind - das Problem war allerdings: Die meisten Teilnehmenden hatten kaum etwas zu benennen und die Übung ging ziemlich ins Leere. Einige hatten natürlich schon etwas: Die leiser gewordenen Vogelgesänge, die so selten gewordenen Anblicke bunter Schmetterlinge, der Verlust alter Bäume oder Urwälder… Im Allgemeinen aber haben wir uns von den natürlichen Prozessen unserer Umwelt  - räumlich wie innerlich - so weit entfernt, dass so subtile Veränderungen wie die des Klimas (die übrigens für naturkundige Menschen gar nicht so subtil sind, sondern sich auch bei uns beobachten lassen auf den Feldern, im Wald, in den Flüssen und Seen…), sich von den allermeisten Menschen nur durch Zahlen und Statistiken erfassen lassen, welche trotz ihrer Eindeutigkeit relativ abstrakt und für Nicht-Wissenschaftler*innen nicht wirklich direkt nachvollziehbar sind. 

Welchen Einfluss können intensive Naturerfahrungen einerseits auf die physische Gesundheit, aber auch letztendlich auf die Gestaltung von Konsum- und Lebensstilen haben?

Bijan: Für die physische Gesundheit gibt es einige Theorien und auch Studien zur Rolle von Stressreduktion als zentraler Faktor für Gesundheit. Letztlich sind psychische und physische Aspekte von Gesundheit ja nie ganz getrennt voneinander. Der amerikanische Arzt Roger Ulrich hat bereits Anfang der 90er Jahre nachgewiesen, dass allein ein Krankenhauszimmer mit Blick ins Grüne die Genesung von Patient*innen beschleunigen konnte. Die psychische Regeneration scheint bei Naturerfahrungen vor allem von Bedeutung zu sein (siehe z.B. Attention Restoration Theory). Hierzu gibt es einige gute Studien aus dem Bereich des »Waldbadens« (japanisch: shinrin-yoku). Es gibt auch gute Belege für die Sinnhaftigkeit, Bewegung und Natur miteinander zu kombinieren, um gute Effekte auf die psychische Gesundheit zu erzielen (»Green Exercise«). 

Zum Thema Konsum und Lebensstil gibt es noch nicht viel Literatur. Andererseits stelle ich mir die Frage, ob Änderungen in unserem individuellen Konsum und Lebensstil wirklich so viel bringen. Allein im brasilianischen Regenwald werden derzeit pro Minute (!) ca. drei Fußballfelder Regenwald abgeholzt und wir machen uns Gedanken, ob wir mit dem Auto oder mit dem Zug fahren sollen - das soll nicht meinen, dass die individuelle Abwägung sinnlos sei, aber letztlich bewirken wirtschaftliche Interessen und Praktiken eine vielfach stärkere Naturzerstörung. In demokratisch regierten Ländern, und auch über deren Einfluss in globalen Gremien und Handelsbeziehungen, haben wir es dennoch selbst in der Hand, einen gesellschaftlichen Wertewandel zu gestalten, so dass die Entscheidungsträger*innen Regelungen für das Wirtschaftssystem gestalten, die eine nachhaltige Zukunft (und Gegenwart) für alle ermöglichen. Das fordern mittlerweile übrigens auch schon Wirtschaftsverbände ein, weil der Klimawandel als größtes Risiko für die kommenden Jahrzehnte gilt. 

Über unsere Anbindung an die Universität in Hamburg haben wir übrigens auch Daten dazu erhoben, inwieweit sich die Werte von Teilnehmenden nach so einer Wildniserfahrung verändern und dabei auch einiges gefunden. Die Daten sind aber leider noch nicht veröffentlicht.

Eine eurer Wildnisreisen nennt sich »Friluftsliv«. Woher kommt dieser Begriff? Was erwartet mich als Teilnehmende*r bei einem sog. »Friluftsliv«? Welche Rolle spielen zum einen ihr als Reiseleiter*innen und zum anderen die Gruppe bei der Erfahrung?

Bijan: Das Wort »Friluftsliv« kommt aus dem Norwegischen und bedeutet auf Deutsch »Freiluftleben«. Es bezeichnet die norwegische Kultur des Draußen-Seins, welche im 19. Jh. in der Epoche der Romantik entstand. In Zeiten der Industrialisierung entwickelte sich Friluftsliv zu einer Gegenkultur, welche der freien Natur einen intrinsischen Wert gibt. Sie ist geprägt von Langsamkeit, Identifikation mit der natürlichen Welt, tiefen Fragen zur Selbst-Realisation und einem erfüllten Leben mit einfachen Mitteln.

Ich denke, sowohl Reiseleitung als auch die Gruppe spielen eine Rolle im Hinblick auf die Erfahrung der Teilnehmenden - die größte Rolle aber spielt die Natur. Ein starker Regenschauer und eine plötzliche ungekannte Nässe bis auf die Haut lassen sich nicht planen, genauso wenig wie ein berührender und wundervoller Regenbogen eine Viertelstunde später...

Foto © Carla Schulte-Fischedick


Ein zentraler Bestandteil eurer Reisen ist eine 24-stündige Solo-Erfahrung alleine draußen in der Natur. Warum erachtet ihr dies als essentiell? Ist das für Wildnis-unerfahrene Stadtmenschen nicht auch ein wenig gefährlich?

Bijan: Bei dem 24-Stunden-Solo geht es uns nicht darum, Risiken einzugehen oder »Survival« zu üben. In unserer heutigen Zeit geht es ja sowieso eher darum, im Großstadtdschungel überleben zu können und dafür zu sorgen, dass unsere Erde und unsere Lebensgrundlagen weiter bestehen bleiben können - bei all dem, was die Menschheit in den letzten Jahrzehnten aus dem Gleichgewicht gebracht hat. 

Einen Tag und eine Nacht alleine zu sein ist ja eigentlich auch keine große Sache - für städtisch geprägte Menschen kann es das aber sehr wohl sein. Wann sind wir schon mal so lange ganz alleine? Und dann auch noch in der Natur? Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass diese kurzzeitige Annäherung an das Lebensumfeld, in dem unsere Vorfahren zehntausende von Jahren gelebt haben, den teilnehmenden Menschen eine neue (bzw. alte) Perspektive auf unsere Gesellschaft und unseren eigenen individuellen Lebensstil geben kann. Nicht wenig von dem, was wir heute wie selbstverständlich tun, kann aus einer naturverbundenen Perspektive manchmal als ziemlich überflüssig und nutzlos betrachtet werden. In der Einfachheit des Draußen-Seins sind trockene Socken, ein warmer Schlafsack oder ein lauer Abendwind vielleicht schon genug, um das Leben zu feiern.

Welche körperlichen Voraussetzungen muss ich erfüllen? Wie anspruchsvoll sind z.B. die Wanderungen? Sind eure Reisen auch für ältere Menschen geeignet?

Bijan: Bei den Wildnisreisen nach Norwegen gehen wir ungefähr drei Stunden mit Rucksäcken in die Wildnis hinein, d.h. von der letzten Straße. Hätten wir in unserem Alltag mehr Bewegung (und damit ist nicht mehr Sport, sondern weniger Schreibtisch gemeint :-)), dann wäre das körperlich keine große Herausforderung. Tatsächlich ist es aber schon eine, und daher sind wir weiterhin auf der Suche nach Plätzen in Deutschland, wo wir solche Erfahrungen mit weniger körperlicher Herausforderung (und auch mit weniger Reisezeit und CO2-Fußabdruck) anbieten können. In diesem Jahr haben wir in der Tat einen Platz dafür gefunden, aber das geht eigentlich nur aufgrund von Corona-bedingten Zusammenhängen.

Du selbst hast als Reiseleiter bereits zahlreiche Wildnisreisen begleitet. Welche Art von Erkenntnis oder Erfahrung möchtest du den Teilnehmenden mitgeben? Und was bedeutet dir das Draußen-Sein persönlich?

Bijan: Am liebsten ist es mir, keine oder nur sehr wenige meiner eigenen Erkenntnisse mitzugeben. Ich finde es wichtig, dass Menschen ihre eigenen Erfahrungen machen und so auch ihre wirklichen inneren Werte und Leidenschaften finden können. Es gibt schon genügend Menschen, die wenig hinterfragen und damit unsere bestehenden Systeme am Laufen halten. 

Meine Freundin würde wahrscheinlich sagen, dass mir das Draußen-Sein persönlich nicht allzu viel bedeuten kann, weil ich andauernd vor meinem Laptop sitze :-) Gerne würde ich noch mehr Zeit draußen verbringen und hoffe, mir das u.a. durch ein Gemeinschaftsprojekt zu ermöglichen, mit dem wir in naher Zukunft ein Ökodorf im Umfeld von Hamburg aufbauen werden.

Wie ist die Idee zur Gründung des Instituts für Naturorientierung und Lebensstil entstanden? Welchen (fachlichen) Hintergrund und welche Erfahrungen bringst du persönlich mit?

Bijan: Das INL ist ein gemeinnütziger Verein und wurde 2013 gegründet. Die Initiator*innen waren dabei vor allem Gunnar und Iris Liedtke, Sigrid Happ und Nils Gehrke. Unser aller gemeinsamer Hintergrund ist das Institut für Bewegungswissenschaft an der Universität Hamburg. Dort leitet vor allem Gunnar schon seit vielen Jahren Friluftsliv-Reisen für Studierende und dort finden auch weiterhin Forschungsprojekte zu den Auswirkungen solcher Erfahrungen statt. Ich selbst habe dort einige Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet.

Welche Qualifikationsmöglichkeiten gibt es für Menschen, die sich vorstellen können, ebenfalls Leiter*in von Wildnisreisen zu werden? 

Bijan: Drei unterschiedliche Ansätze fallen mir hierzu ein: 

- Die Wildnispädagogik nach Jon Young (auch »Coyote Teaching« genannt). Es gibt einige Wildnisschulen in Deutschland, die das anbieten, z.B. die Wildnisschule Wildeshausen)

- Die Visionssucheleitungs-Ausbildung nach der School of Lost Borders 

- Die Tiefenökologie oder »the work that reconnects«

Foto © INL e.V.
Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung gewinnt - auch in der schulischen Bildung - zunehmend an Bedeutung. Zwar werden viele Schulen keine mehrtägigen Wildnisreisen anbieten können, aber welche Möglichkeiten gibt es für Pädagog*innen vielleicht im Kleinen, ihren Schüler*innen Naturerfahrungen zu ermöglichen?

Bijan: Dieses Jahr hätte ich eigentlich zum ersten Mal eine Wildnisreise mit einer Oberstufe von über 40 Schüler*innen begleitet, aber leider ist das ausgefallen. Ein Freund von mir macht als Lehrer mit seinen Schüler*innen einmal im Jahr sogar eine 3-wöchige (!) Herausforderung in die Wildnis nach Norwegen, und zwar mit Kindern im Alter von 12-16 Jahren. Auch in Deutschland gibt es aber genügend Camping- oder Pfadfinderplätze, wo sich so etwas machen lässt. Eine zusätzliche externe Begleitung ist aber nicht schlecht denke ich, gerade für die ersten Male. So etwas können wir auch anbieten oder bei der Suche nach Wildnisschulen finden sich da auch Optionen!






Du interessierst dich für eine Wildnisreise? Hier geht es lang zur Website des Instituts für Naturorientierung und Lebensstil.


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